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Mit Beckett auf den Kontrabassberg

Ein ganzes verlängertes Wochenende befragte das Europäische Zentrum der Künste, wie man die „aufrührerische Aussage mit kleinsten Mitteln“ im Sinne Luigi Nonos herstellen kann, nämlich in der Kammermusik. Die Interpretationsbreite, die dem Festivaltitel 4:3 zufällt (seltenes Fussballergebnis versus Flachbildschirmformat versus das-kann-ich-nicht-klopfen), trifft auch auf den Inhalt des prall gefüllten kleinen Bruders der Tage der zeitgenössischen Musik zu.

Am Sonntag ging das kleine Festival im Festspielhaus nach verschiedenen Konzerten, Performances und Installationen mit einem Ensemblekonzert zu Ende, bei dem ein einziges Werk auf dem Programm stand: „Stasis“ der britischen Komponistin Rebecca Saunders, geschrieben im Jahr 2011, wurde im großen Saal vom Ensemble Collegium Novum Zürich gespielt – ein instrumentales Raum-Musiktheater, wobei schon der Theaterbegriff hinterfragbar wäre, denn die Musiker stellen nichts dar, allerdings entwickelt der Raum durch fortwährende klangliche Veränderung eine architektonisch-landschaftliche Qualität, die man eigentlich nach dem Hören – so eine von mehreren Ideen, die mir beim Zuhören kamen, wieder kartieren müsste.

Dann würde man vermutlich eine Trompeteninsel zeichnen, einen Quartettkontinent oder den Kontrabassberg, während die Bassflöte eher wie eine Eisscholle im musikalischen Ozean wirkte. Was hier etwas bildlich beschrieben ist, war Resultat einer Partitur, die zwar mit zeitlichen Grenzen und für jeden Musiker von Saunders exakt notiert war, aber eben einen Spiel-Raum einbezog, der sich ebenso für die Instrumentalisten und die Zuhörer wandelte. Eine Sonderstellung nahm die Flötenspielerin ein, die sich neben Luft und Ton auch einem Text widmete: Rebecca Saunders kommt in einer Beschreibung ihres Werks auf die Kurzgeschichte „Still“ von Samuel Beckett zu sprechen. „Den Kopf dem Sonnenuntergang zugewandt, betrachtet der ungenannte Protagonist das Hereinbrechen der Nacht, die anwachsende Dunkelheit; den Kopf langsam und behutsam von den Händen gestützt, wartet er, während sich die Dunkelheit ausbreitet, auf einen Klang. Die Metaphern von Dunkelheit und Licht, Schweigen und Klang, Bewegung und Stille durchdringen das zerbrechliche Gefüge seiner Sprache. Wie in alle Ewigkeit gedehnt ist die zeitlose Melancholie, die kurz, hart und ehrlich ist und dennoch durchdrungen von Menschlichkeit und Zärtlichkeit. Eine Stasis; der menschliche Körper verharrt im Zustand der Erwartung, zitternd.“

In dieser „spatial composition“ liegen aber auch Fragen verborgen, die nicht mit der Aufführung abschließend lösbar waren, wie etwa die, dass jede(r) ZuhörerIn abhängig von der festen Hörposition ein individuelles Klangerlebnis hatte – ich hatte etwa Trompete und Klavier sehr präsent in meiner Nähe, während ich von den Trios und Quartetten auf der Tribüne nur wenig mitbekam. Somit aber wurde ich in der Nähe-Ferne-Empfindung Teil der Komposition, schuf mir meine eigene Partitur, hatte sogar das Bedürfnis, hier und da ein Instrument hinzuzu-„schalten“ oder eine mir zu lange Passage abzubrechen. Dass Saunders mit ihrer Kompositionsweise einen solchen Zugang oder einen Interaktionswillen erst einmal initiiert, ist eigentlich eine besondere Qualität ihrer Musik.

Die gemeinsame „Aktion“ aller Zuhörenden, die (sic!) im Zuhören bestand, benötigte auch eine zeitliche Länge, in der man sich in einer solchen Landschaft erst einmal heimisch fühlen konnte, daher waren die 50 Minuten für Stasis eigentlich am unteren Ende der Skala. Eine Besonderheit des Werkes ist sicher auch, dass jegliche Entwicklung sich stark an der Horizontalen orientierte, da exaktes Zusammenspiel nur in bestimmten Duos oder Gruppen gefordert war, somit konnte das Stück eine gewisse „Wolkigkeit“ des Ungefähren nicht abschütteln, die mich zumindest gelegentlich störte, weil sich Dinge übereinander schoben, deren Energien nicht wirklich geleitet waren. Aber so stolpert man eben mitten in einer Wiese auch mal über einen Findling.

Das Collegium Novum Zürich zeigte sich vertraut mit der Musik und auch – und das erscheint wichtig zu erwähnen – vertraut untereinander, denn so konnte auch der aktuelle Impuls im Spiel mit viel Verstehen und Einanderhören ermöglicht werden. Schön auch, dass sich zum Abschluss des Festivals ein dieses Werk sehr freundlich aufnehmendes, interessiertes Publikum einfand – die glückliche Komponistin durfte großen Applaus entgegennehmen.

Fotos (c) Klaus Gigga

Veröffentlicht in Dresden Rezensionen

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