Springe zum Inhalt →

Luft(ballons) von anderen Planeten?

Sinfonietta Dresden eröffnet „Schnittpunkte“-Konzertreihe

Runde Geburtstage und Jubiläen gibt es im Musikleben Dresdens ja derzeit so einige, denn viele Ensembles und Institutionen haben sich gerade in den ersten Jahren nach der Wende neu zusammengefunden. Sinfonietta Dresden feiert dieses Jahr sein 25-jähriges Bestehen, sorgt in der Stadt stetig für Aufmerksamkeit mit innovativen eigenen Programmen und ist auch fester Bestandteil der Kirchenmusik. Im Januar gab es bereits ein erstes Festkonzert, nun folgte am Bußtag ein zweites, das schon vorausblickenden Charakter hatte: mit den „Beethoven Schnittpunkten“ eröffnet Sinfonietta Dresden eine neue Reihe, die in ebenso bewährter wie doch nun im Konzert auch wieder Ohren und diesmal auch Augen öffnender Weise Altes und Neues gegenüberstellt und damit den Horizont weitet.

Ludwig van Beethovens Klavierkonzerte sind darin ein fester Block – alle fünf Konzerte hat sich die Sinfonietta für die nächste Zeit vorgenommen – passend zum Jubiläumsjahr des Komponisten 2020. Die  Reihe findet in enger Kooperation mit der Musikhochschule statt, die nicht nur Saalgastgeber ist, sondern auch aus den Reihen der Studenten und Absolventen die Dirigenten und Pianisten stellt. Beethoven bleibt nicht unkommentiert: Werke von Dresdner Komponisten seiner Zeit stehen ihm ebenso zur Seite wie Neues von jungen Komponisten aus der Hochschule und jeweils ein musikalischer Beitrag aus einer Partnerstadt von Dresden.

Dementsprechend war das Konzert am Mittwochnachmittag im Konzertsaal der Musikhochschule von reichlicher Abwechslung gekennzeichnet; auch logistisch war es für das Ensemble eine ordentliche Herausforderung. Regelrecht eingepackt von zwei kurzen Sinfonien des heute kaum mehr bekannten Dresdner Hofkapellmeisters Joseph Schuster, der um 1790 in der Stadt wirkte, war das Stück „streets of a human city“ der aus Wrocław stammenden Komponistin Agata Zubel (geb. 1978). Schusters Sinfonien stehen für einen zweckmäßigen musikalischen Alltag, der einem Gusto huldigte, das hof- und dresdenspezifisch in dieser Zeit für wenig Aufruhr sorgte. Ein zurücklehnendes sächsisches „Nuja“ stellte sich da fast automatisch beim Hören ein, das den Stücken kaum widersprach, sie aber auch nicht auf falsche Sockel hob. Trotzdem widmete sich Sinfonietta Dresden unter Leitung von Alexander Sidoruk und Xincao Zhang diesen Stücken ebenso liebevoll wie dem Stück von Zubel, das unter Leitung von Ekkehard Klemm dann als Deutsche Erstaufführung erklang.

Das wiederum war etwa sechs bis acht Planeten von Schuster entfernt und musste auch im Hören erst erschlossen werden, weil es verschiedene bekannte und auch beendet geglaubte Avantgardismen ziemlich munter miteinander verband, so dass man sich irgendwo zwischen Free Jazz, Happening und einer dringlichen instrumentalen Poetik wiederfand. Das Stück war zudem hervorragend und mit kammermusikalischem Spannungsanspruch interpretiert. Ärgerlich jedoch war, dass während dieser Aufführung und auch später vom Rang aus einige Zuhörer andere mit ihrer plappernden Unruhe störten und damit auch das Engagement der Musiker und das Anliegen des Konzertes nicht würdigten.

Nach der Pause gab es eine Uraufführung der in Dresden studierenden koreanischen Komponistin Sowon Yun. Sie spielte in „Hin… und her“ mit der Realität einer Orchesteraufführung und der generellen An- und Abwesenheit eines Klangs – mit ruhiger Übersicht von der Dirigentin Katharina Dickopf geleitet. Das Spiel der Sinfonietta mit Objekt-Luftballons samt bunter Lichtregie katapultierte das Stück auf die Grenze zwischen ästhetischem Hinterfragen und einem Effektexperiment, die musikalischen Materialien waren jedoch auf wenige, zu unklar formulierte Einzeltöne und Stimmungen reduziert.

Doch neue Musik muss auch nicht immer Antworten geben, sie darf auch mal eine Pandora-Kiste oder einen mit Zeug vollgestellten Dachboden (die Assoziation gab es bei Zuber durchaus) öffnen. Am Ende wurde die Erwartungshaltung „Entspannung mit Beethoven“ gottlob auch torpediert, denn der frische Zugang, den Ekkehard Klemm mit der Sinfonietta Dresden wählte, zeigte gnadenlos die modernen wie lebendig-innovativen Qualitäten dieses ersten Konzertes auf. Hyojin Park (Klasse Prof. Winfried Apel) am Klavier wagte es allerdings zu selten, über ihr technisch ordentliches Schönspiel hinaus weitere Interpretationsräume zu öffnen. Es wäre noch das Sahnehäubchen für kommende Konzerte, wenn die noch studierenden Solisten den programmatischen Raum und die Atmosphäre des bereits Erklungenen als Möglichkeiten in ihre Beethoven-Sicht einfließen lassen würden. Die Vorfreude auf das nächste Konzert ist jedenfalls schon geweckt.

Foto (c) Alexander Keuk

 

Veröffentlicht in Rezensionen

Kommentaren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.