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Feine musikalische Zeichnungen

Dresdner Philharmonie spielt Dvořák, Elgar und Brahms

Ein international gerühmter Konzertsaal wie der 2017 im akustisch brillanten Gewand wiedereröffnete Kulturpalast mag zu mancherlei Höhenflügen verführen. Nach nur zweieinhalb Jahren sei aber auch daran erinnert, dass das Erschließen der Möglichkeiten eine langfristige Angelegenheit ist – die deswegen für die auftretenden Orchester und das Publikum nicht minder genussvoll gerät, schließlich wächst insbesondere die Klangkultur der Dresdner Philharmonie in ihrem Heimatsaal mit jedem neu gespielten Werk und jeder Inspiration, die etwa Gastdirigenten mitbringen. Dementsprechend war das Philharmonie-Konzert am Sonnabend spannend, weil der Fokus des Programms genau in das spätromantische Kernrepertoire wies, das zum täglichen Brot der Sinfonieorchester gehört.

Der rumänische Dirigent Cristian Măcelaru war bereits im Mai mit dem WDR-Sinfonieorchester zu Gast, deren neuer Chefdirigent er seit dieser Saison ist, und im Juni leitete er bereits ein Konzert der Dresdner Philharmonie. Nun lagen Werke von Dvořák, Elgar und Brahms auf dem Pult. Man ist damit sogleich vertraut und hatte dennoch Freude daran, die Feinheiten zu entdecken, zumal eben genau die Abwesenheit jeglicher Gedanken an Spektakel, Drama und Apotheose  in allen drei Werken einen Raum öffnete, in dem andere Dinge eine Rolle spielten.

Die Vertrautheit in den „Legenden“ Opus 59 von Antonín Dvořák bezieht sich allerdings auf die typische Handschrift des Komponisten, den man in den ersten Takten erkennt. Die Legenden selbst sind allerdings heutzutage kaum gespielt, klar, eine „Karneval“-Ouvertüre macht viel mehr her. Aber Măcelaru wusste, welch gutes Ensemble er vor sich auf der Bühne hatte und erstellte mit den Philharmonikern in den drei kleinen Stücken quasi musikalische Zeichnungen, und es blieb offen, welche Geschichten oder Landschaften da gerade präsentiert wurden.

Daniel Müller-Schott und die Dresdner Philharmonie

So frei, und das ist schon fast eine kleine Sensation, wenn man die Aufführungsgeschichte des Konzerts betrachtet, könnte man eigentlich auch mit Edward Elgar umgehen, und es war das Verdienst des Solisten Daniel Müller-Schott, dass das Cello-Konzert e-Moll frisch und luftig erschien – in gemeinsamer Sache mit dem Orchester, die schon im 1. Satz eine tolle Piano-Kultur aufblätterten, anstelle das Stück unnötig über die Höhepunkte zu definieren. Immer wieder suchte Daniel Müller-Schott dabei den Kontakt zu den Streichergruppen, ließ Töne mit den Bläsern sanft ausschwingen oder übernahm sicher und selbstbewusst die Führung in den kurzen Kadenz-Abschnitten. Für die Differenzierung, die auch Măcelaru vom Pult aus vornahm, steht beispielsweise die Feststellung, dass die Posaunenglissandi im 4. Satz fein in den Satz eingewoben waren – nebst allem berechtigten Schwelgen entdeckte man also noch viele Details und in Müller-Schotts makellosem Spiel waren es besonders die Übergänge zwischen den Sätzen, die spannungsvolle Betonung erfuhren. Beinahe ein selbstverständlicher Epilog zu Elgar war die Zugabe, der „Gesang der Vögel“ von Pau Casals, eine katalanische Volksweise, die gleichsam Weihnachtsmelodie und durch Casals Verbreitung auch ein Friedenssymbol geworden ist.

Damit gelang ein sanfter Übergang zu Johannes Brahms, und die Interpretation der 3. Sinfonie F-Dur, Opus 90 war kein Ausbruch aus der vor der Pause entstandenen Stimmung, sondern ekjkine Fortsetzung. Einen warmen, eher dunkel-gedeckten Klang wählte die Dresdner Philharmonie aus der Palette für diese Sinfonie, die von Măcelaru mit einem wunderbaren Puls musiziert wurde, der sonst so erdschwere Brahms bekam hier leichtes Schuhwerk verpasst, und da Măcelaru die Mittelsätze fast kammermusikalisch anging, blieb wirkliche Extrovertiertheit dem Finale vorbehalten. Wenn es dann doch kleine Durststrecken gab, so sind diese innerhalb des persönlichen Geschmacks verortet – den wegschwebenden letzten Takten fehlte etwas der Zauber, und dass ausgerechnet hier der Paukist zu harten Schlegeln griff, ließ noch eine letzte kleine Seifenblase platzen. Gerade diese dritte Sinfonie weckt ja Begehrlichkeiten, die in besonderen, kaum per Dekret zu schaffenden Glücksmomenten versteckt sind. Vielleicht ist eine Aufführung explizit dieses Werkes ja schlicht der Versuch, sich diesen immer wieder gebührend anzunähern.

Fotos (c) Alexander Keuk

Veröffentlicht in Rezensionen

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