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Frühstück am Bahnübergang

Komponist Moritz Eggert war zu Gast in Hellerau

Einen Komponisten zum Frühstück hat man nicht alle Tage. Doch das Konzertformat von ensemble courage bietet genau das an. Moritz Eggert war am Sonntag in der Reihe zu Gast im Festspielhaus Hellerau, Kollege Benjamin Schweitzer moderierte.

Nein, durch langsam-bedächtiges Schreiben fällt Moritz Eggert eher nicht auf. Der 54-jährige Komponist und Professor an der Musikhochschule München äußerte zwar am Sonntag beim Konzert „Komponist zum Frühstück“ im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau genau diese Selbsteinschätzung. Doch vielleicht liegt es an der Direktheit der Ansprache und der Vielseitigkeit des musiksprachlichen Vermögens, dass man Moritz Eggert eher als umtriebigen Komponisten wahrnimmt. Mehr als 250 Werke hat Eggert bereits geschrieben, und es finden sich vom Klavierstück bis zum Open-Air-Theater alle Gattungen und Genres in seinem Werkkatalog – und wenn etwas fehlt, wie etwa das in der Neuen Musik schmählich vernachlässigte Kunstlied, wird es von Eggert akribisch auf seinen Gegenwartsgehalt untersucht.

Moritz Eggert (l.) im Gespräch mit Benjamin Schweitzer. [Kompositorisches Handwerk: vorne im Bild]
Anne Stadler (Sopran) und das Ensemble Courage zeigten zu Beginn des Vormittags einfühlsam, welche ungeheuren Liedpotenziale sich auch in moderner Lyrik offenbaren, wenn man ihr einen respektvollen, aber zielsicher treffenden musikalischen Gestus (und sei es einen konterkarierenden) verleiht. Mehr noch, und auch das war eine Essenz des Gesprächs am Sonntagvormittag mit dem Komponistenkollegen Benjamin Schweitzer, der die Moderation übernommen hatte: die Grenzen sind für den Komponisten Eggert ebenso interessant, wie das, was gerade „keiner macht“. Genau dort tun sich für ihn Freiräume im Denken, in der Kreativität auf. Eben nicht dort, wo gerade alle schwimmen, im Trend, im In-Sein, im Hype. Und wenn sich Moritz Eggert doch in die Fluten stürzt, dann entweder tatsächlich real-körperlich (Eisbaden ist gesund) oder musikalisch, um beinahe unabsichtlich die Untiefen eines banalen Trends zu entlarven. Dazu gehört eben, dass lustvoll am (scheinbar) Banalen und an der Trivialität gekratzt wird, aber dieses Kratzen ist so beharrlich, dass – gepaart mit einer guten Bodenhaftung in einer die Gegenwart auch antreibend verstandenen Tradition – Ebenen in der Musik erreicht werden, die beim ersten Zuhören nach einem ersten „Aha“ und „Achwas“ in tiefere Schichten verweisen und mit Erwartungen und Bequemlichkeiten spielen.

Zwei Beispiele bekamen die Zuhörer gleich geliefert: im letzten Lied des Zyklus „Neue Dichter Lieben“ (Schumann schimmert schon durch den Titel) bleibt die Vertonung des Gedichtes „Don Juan kommt am Vormittag“ von Sarah Kirsch wie an einem Bahnübergang auf der vorletzten Silbe stehen. Die Pause ist ausgerechnet so lang gesetzt, dass man sich als Zuhörer in Ruhe seinen eigenen Schluss überlegt, ordentlich auskadenziert oder mit einer anderen Wendung sanft verlöschend. Pustekuchen, sagt Eggert und knarzt das Stück einfach weg. So ein Schluss-Schluss ist natürlich theatralisch und der Komponist von mittlerweile mehr als einem Dutzend Opern bestreitet auch gar nicht, dass er mit Bildern und Assoziationen arbeitet. Am Ende ist es nämlich das Leben, das auf frappierende Art Eingang in seine Stücke findet. Und das kann schwerer lastend wie die „Consolations“ (gespielt von Alisa Smith, Bratsche) sein, aber auch so schlicht und schön wie in den Interludien für Akkordeon Solo (Susanne Stock), einem – so Eggert – ohnehin sträflich unterschätzten Instrument.

Das zweite Beispiel des Spiels mit Erwartungen und Erinnerungen war im größer dimensionierten Abschlussstück des Vormittags enthalten: zwar bezog sich das vorangehende Gespräch – das ebenso wie das üppige Frühstück an ordentlich platzierten Konferenztischen eine atmosphärische Schrägartigkeit bekam – über  „La Risposta“ für Cello und Akkordeon noch auf den Inspirator Bernd Alois Zimmermann, der hier auch tatsächlich als Tradition fungierte, aber das Stück selbst hob dann in eine ganz andere Richtung eines emotionalen Kommunikationsversuchs zweier Protagonisten ab, von Matthias Lorenz und Susanne Stock mit Vehemenz angegangen. Die gefühlt 249 Arten, mit denen Lorenz hier den Ton A erzeugte, bohrten sich mit einer gewissen Nervigkeit ins Ohr – erneut ein Grenzgang, der aber wie so vieles an diesem Vormittag sowohl Freude, Irritation, aber damit auch Nachdenklichkeit erzeugte. Das ist innerhalb der Kunst, aber auch darüber hinaus, eine gute Mischung.

(Fotos (c) Moritz Lobeck / Alexander Keuk)

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