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human_machine in Frankfurt

Zwei Tage bei der cresc Biennale für aktuelle Musik in Frankfurt.

Human_Machine ist die eindeutige und gleichzeitig vieldeutige Überschrift beim Festival für aktuelle Musik cresc Biennale in Frankfurt, das am kommenden Wochenende mit zwei weiteren Konzerten zu Ende geht. Da sich das Festival auf die Wochenenden konzentriert, konnte ich nur zu den Veranstaltungen am letzen Sonnabend und Sonntag anwesend sein, daher hier nur einige Streiflichter. Doch allein die Bandbreite der Eindrücke dieser insgesamt drei Konzerte war enorm, daher bin ich dankbar für den Besuch, der viel mehr als eine Stippvisite war.

Die cresc. Biennale wird seit neun Jahren gemeinsam vom Ensemble Modern und dem HR-Sinfonieorchester veranstaltet, das jetzige Thema schließt an an eine immer stärkere und intensivere Beschäftigung der Künste mit den digitalen und elektronischen Welten, was von beiden Seiten als eine Art gigantisches Work in Progress gesehen werden kann: die enorme Entwicklungsgeschwindigkeit auf der maschinellen Ebene ist anders als die der Künstler, für die das Ausprobieren, Hinterfragen und Eintauchen in diese Welt unbedingten Laborcharakter hat.

Vielleicht steckt in der Annäherung an die Thematik „human_machine“ auch am ehesten der Kontakt zum Unbekannten, zum Neuen, wenn etwa Künstliche Intelligenz plötzlich selbst anfängt zu komponieren, was wir bislang in den Elektronikstudios unter dem Zauberwort Algorithmus noch meinten selbst beherrschen zu können. Einhergehend damit ist eine Neubewertung und neue Sortierung der entstehenden Werke selbst, gleichzeitig wurde bei der cresc. Biennale aber auch lustvoll die Frage gestellt: wer komponiert denn da eigentlich? Stift, Papier, Elfenbeinturm sind da längst passé und die Einflüsse aus Pop- und Clubkultur sind ebenso wichtig wie normal geworden.

Der Laborcharakter im „Frankfurt LAB“ wie auch die Einbeziehung des 9. Internationalen Kompositionsseminars der Ensemble Modern Akademie (IEMA) beförderte die gegenseitigen Erfahrungen und führte zu einer ebenso konzentrierten wie spielerisch-lustvollen Atmosphäre. Beim Abendkonzert am 29. Februar stand zunächst ein Klassiker auf dem Programm, der eher deswegen heute selten erklingt, weil man die vier Flügel und zwölf Schlagzeuger schwierig zusammenbekommt. George Antheils „Ballet Mécanique“, hier dirigiert von Enno Poppe, war eine erste Hymne an die Musik der Maschinen und ein Loblied auf den Rhythmus. In Frankfurt klang das in atemberaubender Präzision der Musiker fast ein wenig domestiziert, ähnlich wie auch heute Aufführungen von „Le Sacre du Printemps“ eben kaum mehr den Hauch des Skandals in sich tragen. Es wäre absurd, ihn reproduzieren wollen, trotzdem fehlte mir in dem akustisch zu trockenen Raum etwas die direkte, körperliche Wirkung – in einer eigenen Aufführung haben wir damals selbst aufgenommene, echte Flugzeugpropellergeräusche auf Band eingespielt, dagegen waren die Windspiele in Frankfurt doch etwas arg freundlich.

Danach ging es mit „Rundfunk“ (2018) für 9 Synthesizer von Enno Poppe weiter, gespielt vom Ensemble Mosaik. Es ist ein sehr faszinierendes Stück, weil es durch die Schräglage der Live-Darbietung eines im reinen Klangergebnis komplett elektronischen Stückes einige interessante Ebenen aufmacht. Mit einer Länge von 60 Minuten ist es eine umfassende Hommage an eine Zeit, in der Studios und Labore der Rundfunksender für neu entstehende Musik eine wesentliche Rolle spielten. Dass die Langsamkeit der Verschiebungen und aufwallenden Klangwände mich an Bruckner erinnerten, sei mir verziehen, aber man kann sich hier wie dort eben auch herrlich in den Ornamenten und harmonischen Entwicklungen tatsächlich verlieren. Dass die Natur in Gestalt von auf das LAB-Dach prasselndem Regen zu Beginn des zweiten Teils sich kurz das Konzert zurückeroberte, war eine feine nichtbeabsichtigte Komponente der Aufführung, die noch einmal das Thema „human_machine“ mit Wassertropfen unterstrich.

Im zweiten Konzert des Abends stand dann Shiva Fesharekis „Opus Infinity“ als Uraufführung auf dem Programm, laut Untertitel „a spatial composition for Turntables, Ensemble and Bespoke Soundsystem“, ein Auftragswerk des Ensemble Modern. Die Britin Feshareki (geb. 1987) ist seit Jahren eine spannende Turntable-Performerin, sieht sich aber in ihrer Arbeit unbedingt auch als Komponistin, da sie eigene elektronische Sounds und Kompositionen immer wieder neu verarbeitet und wiederkehrend mit Ensembles und Orchestern zusammenarbeitet, damit also die instrumentalen Qualitäten und Möglichkeiten mit denen der Turntables verschränkt. Zudem hat sie über ihre eigenen Instrumente und Sampler Zugang zu einer schier unerschöpflichen Welt der – zum Teil auch bereits vorhandenen – elektronischen Musik, die auf ganz eigene Weise von ihr zu neuen Kompositionen zusammengestellt werden.

In der Interaktion mit dem Ensemble Modern gab es zwar einen festen Werkcharakter, es gab aber auch frei improvisierte Phasen von Feshareki an den Turntables alleine oder Abschnitte, wo nur das Ensemble spielte. Der komplette Raum wurde in dieser „spacial composition“ einbezogen, samt Lautsprechern, Musikern und Publikum. Letzteres durfte sich frei innerhalb der Musiker bewegen, so dass man seine ganz eigene Version des „Opus Infinity“ erhielt. Das war nicht ganz einfach, da der – erfreuliche – Zuspruch des Publikums dann doch zu mancher Enge führte und eine eventuell erwünschte Weite und Größe des Raumes schlicht nicht vorhanden war, stattdessen durfte man sich auf eine Direktheit und Intimität sowie einer aktiven Beteiligung einlassen: bleibe ich, höre ich, will ich weiter? – Spannend war weiterhin zu beobachten, dass die Musik zum Innehalten des gesamten Publikums an einigen Stellen führte, während eher turbulente Passagen eher zum Bewegen einluden. Fesharekis „Opus Infinity“  arbeitet mit geometrischen Spiralen, die in der klanglichen Raumgestaltung und in der Live-Performance an den Turntables miteinander verschachtelt sind. Dabei erreicht die Komponistin tatsächlich im Entstehen und Vergehen wie auch in abrupten Aktionen, die etwa den Charakter des Stücks von einer Fläche hin zum Signal oder zu einer Kaskade verändern, eine über die Zeit organische, fast psychedelische Gesamtwirkung fernab eines Äußerlichkeiten betonenden Events. In Fesharekis Arbeiten scheint oft etwas Skulptural-Suchendes auf, das sich in wechselndem Gewand immer wieder dem Gleichen, dem Seelenvollen der Musik zu nähern scheint.

Der Sonntag galt dem Abschluss des 9. Kompositionsseminars des Ensemble Modern samt Talks, Filmen und Konzerten und fand in der Albert-Schweitzer-Schule in Offenbach statt. Auch beim Seminar war „human_machine“ der Ausgangspunkt für die internationalen Arbeiten der insgesamt fünf Komponistinnen und Komponisten. Die Japanerin Yu Kuwabara hatte in „Tima Abyss“ dennoch mit dem Thema Zeit ein nicht zwingend maschinelles oder digitales Thema gewählt und widmete sich eher den Untiefen, die ein musikalischer „beat“/Schlag in sich birgt. Damit entstand eine besondere Herausforderung für das Zusammenspiel im Ensemble Modern (von einer Anstrengung möchte man bei diesen hervorragenden Musikern ja kaum sprechen) und ein verkapptes „Konzert für Dirigent und Ensemble“, denn Enno Poppe musste sich auf gekrümmte und zerdehnte Zeitmaße einlassen und diese ja auch körperlich vermitteln, was bravourös gelang. Merkwürdig allerdings, dass beim bloßen Zuhören dieses Stück am Ende am wenigsten greifbar war und eine eigene Handschrift und vollziehbare Dramaturgie am meisten vermissen ließ.

Das gelang in den Beiträgen von Lawrence Dunn (GB) und Michaela Catranis (USA) viel besser, wenn auch in völlig unterschiedlicher Stilistik. Das war aber auch eine Erkenntnis des Tages, dass weiterhin die Vielfarbigkeit der aktuellen Musik überwiegt und sich gegenseitig bereichert – jenseits von wahr oder falsch. Dass jüngere Komponisten sehr stark gewillt sind, die eigenen Ideen intensiv zu beleuchten, anstelle auf irgendwelche Züge von Strömungen und Trends aufzuspringen, ist ein spürbarer Erfolg dieses Seminars und schließt ja auch die weitergehende Auseinandersetzung oder den Widerspruch ein, dementsprechend war klar, dass man hier keine fertig gepackten Erfolgsszenarien für die Musik der Zukunft vorgesetzt bekam, sondern ein Probieren, ein Studieren und Vordringen unter dem eben überall gegenwärtigen und uns direkt betreffenden Label „human_machine“.

So faszinierte, aber auch (positiv) verstörte Lawrence Dunn in „We are all okay“ mit einer Herangehensweise, die Ökologie und Soziologie in die Musik einfließen ließ und zu überraschenden Hörergebnissen führte, wenngleich die Verdauungsförderung, die Dunn im Programmheft zum Stück implizierte, sich vielleicht nicht gleich bei jedem Zuhörer einstellte. Catranis wiederum setzte Live-Elektronik und eine spezielle Software ein, um einen „KI-Agent“ quasi die eigene Musik visuell kommentieren zu lassen. Das war im Saal etwas suboptimal gelöst, da ohnehin zu den anderen Stücken eine Lichtinstallation (YRD.Works) waberte und Catranis‘ Visuals daher an die noch freie Decke ausweichen mussten. Ihre im Ensemble oft lyrische Klangsprache wurde manchmal sehr abrupt unterbrochen, ein Stück, das Ecken und Kanten aufwies und diese oft auch bewusst als solches stehenließ – ungelöst.

Den abschließenden Stücken von Alex Paxton und Igor Santos konnte ich aufgrund der Zugabfahrt nicht mehr ganz beiwohnen, zumindest der Beginn von Paxtons Stück war wieder eine ganz andere Herangehensweise an „human_machines“. Hier brillierte das Ensemble Modern mit Anklängen an Videospiel- oder Jahrmarktsklänge, die aber im fast jazzenden Gewand parodistischen Charakter hatten; das war zum Ausklang eine sehr saftige Art, mit Maschinen und ihrem „digitalen Auswurf“ klanglich umzugehen.

Fotos (c) Walter Vorjohann

 

 

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