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Musik über Ozeane und Bildschirme hinweg

24 Stunden „music never sleeps NYC“ mit Jan Vogler und vielen anderen

Das Wort Kammermusik muss man dieser Tage ernster denn je nehmen und doch ist es eine Möglichkeit, sich noch gemeinsam – so mehrere Menschen in der Familie ein Instrument beherrschen oder alleine auszudrücken. Unter den vielen spontanen Streamingangeboten einzelner Musiker ragte in den letzten Tagen eines heraus: „music never sleeps NYC“ war ein Streaming-Musikmarathon, der am Freitagabend startete und dann ganze 24 Stunden ein vielfältiges Programm anbot. Der Marathon war eine Initiative des Cellisten und Intendanten der Dresdner Musikfestspiele Jan Vogler, der ja einen Wohnsitz in New York hat. Er versammelte in den letzten Tagen befreundete Musikerkollegen aus der New Yorker Community, darunter großartige Interpreten wie den Banjospieler Bela Fleck oder die Geiger Gil Shaham und Joshua Bell. In der Stadt leben aber auch viele freie Musiker und junge Studenten – erfreulich, dass auch sie einen Platz im Stream bekamen und somit viele spannende Interpretationen der jüngeren Generation dabei waren.

Die Bandbreite der gebotenen Stücke war riesig – viele spielten natürlich das, woran sie gerade zu Hause beim Üben arbeiteten, andere hatten gleich konzertreife Formate anzubieten. Am spannendsten waren aber die spontanen Arrangements und Erstaufführungen. Eric Jacobsen – der in Dresden als Cellist und Leiter der Formation „The Knights“ bereits gastierte – hatte mit seiner Familie Musik zwischen Bob Dylan und Schubert arrangiert, der junge Geiger Nathan Meltzer steuerte gar eine Uraufführung der Komponistin Hannah Ishizaki bei. Tolle, konzentrierte Darbietungen gab es auch von Solostücken etwa von Elliott Carter und Luciano Berio zu erleben, der Komponist Nico Muhly setzte sich gleich selbst ans Klavier. Zu einer musikalischen Überraschung geriet der Applaus für die Helfer und Ärzte, der in die 24-h-Aufführung fiel, denn Dirigent David Robertson und Orli Shaham führten im Stream zu dieser Uhrzeit die „Clapping music“ von Steve Reich auf.

Vogler und Jacobsen führten abwechselnd durch das Programm, wobei beide am Ende kaum die Erschöpfung anzumerken war. Mehr als ein „nap“ (Schläfchen) gönnten sich beide nicht, und so saß Jan Vogler auch früh um fünf bei Sonnenaufgang in New York wieder am Mikro – natürlich mit einem Espresso. Neben den Aufrufen zum Gesundbleiben und „stay at home“ gab es viele Einblicke in die „Kammer“ der Kammermusiker: von der spartanischen Übezelle bis zum Homestudio war da alles dabei, und während etwa im Vordergrund Abigel Kralik und Benjamin Beilman Béla Bartóks Violinduos interpretierten, kaute der Hund der Familie hinten auf dem Ohrensessel genüsslich an einem Knochen. Auch das ist Streamingkonzert. Auf der anderen Seite der Bildschirme saßen in den Spitzenzeiten bis zu 900 Zuhörer, alle natürlich vom heimischen Logenplatz aus. Bei twitter und youtube konnte man die Moderatoren auch persönlich erreichen und befragen.

Einen großen Teil der Zuschauer zog allerdings eine einzelne Interpretin an: die Pianistin Tiffany Poon ist mit ihren Vlogs und Klavierdarbietungen bei Youtube eine Influencerin im Bereich der Klassischen Musik. Dementsprechend stark war ihre Fanbase vertreten und man musste einige „Where is Tiffany?“ –  „Did Tiffany already play?“ Kommentare überlesen – die Fans kamen dann natürlich auf ihre Kosten, als Poon in zwei Blöcken des Streams Schumann, Liszt und Scarlatti spielte. Dass das Ganze überhaupt binnen einer Woche auf die Beine gestellt wurde, ist Voglers Enthusiasmus zu verdanken. Natürlich gab es hier und da einen Wackler in der Übertragung und nicht alles konnte live bereitgestellt werden, aber Eric Jacobsen meinte lachend im Gespräch: „wenn einer so etwas überhaupt zustande bekommt in so einer kurzen Zeit, dann Vogler“.

Der Cellist wiederum stellte moderierend die große Schar der Musiker ebenso vor wie einige persönliche Geschichten zu den Interpreten oder Kompositionen – gemeinsam mit Mira Wang war er dann auch musikalisch zu erleben. Am Ende wirkte die Musik auf eine ebenso verstörende – denn kaum jemand von kann oder die derzeitige Situation als Ganzes schon erfassen oder verarbeiten – wie berührende Weise, so etwa, wenn man den Klang von Midoris Bachspiel zu früher Aufstehstunde in Deutschland vernimmt oder die absolut liebevolle Leidenschaft des großartigen Spiels von Pablo Saínz Villegas an seiner Gitarre, die sich am Ende der Darbietung in einem freudigen Lachen Bahn brach und damit über Ozeane und Bildschirme hinweg Menschen erreichte. Am Ende bemerkten Vogler und Jacobsen kaum erschöpft, man könne eigentlich noch vierundzwanzig Stunden weitermachen –die Musik schläft nie.

Veröffentlicht in Features Rezensionen

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