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Perfekte Illusion

Dvořáks 9. Sinfonie „Aus der neuen Welt“ an der Orgel der Dresdner Frauenkirche

Zu den Erlebnissen, die wir derzeit vermissen, zählen auch Konzerte mit den zahlreichen und einzigartigen Orgelinstrumenten in Dresden. Immerhin lassen sich einige per Tonträger an die heimische Stereoanlage befördern, und wenn die Technik auf Seiten der Aufnahme sowie am Endgerät parallel hohe Ansprüche befriedigt, steht dem Orgelgenuss zu Hause kaum mehr etwas im Wege. Einige Gründe mehr gibt es noch, sich mit der ganz neuen Aufnahme der Brüder Markus und Pascal Kaufmann zu beschäftigen. Sie stammen aus dem sächsischen Lichtenstein und haben beide in Dresden studiert. Mittlerweile ist Markus Kaufmann Domorganist in Quedlinburg und Pascal Kaufmann Kirchenmusiker an der Stadt- und Schlosskirche Augustusburg.

Die neue CD von Pascal & Markus Kaufmann

Das seit der Jugend betriebene gemeinsame Spiel an Klavier- und Orgeltasten haben sie nicht aufgegeben, im Gegenteil: es ist ganz nüchtern, aber euphorisch festzustellen, dass sich hier zwei Tastenkünstler ganz klar auf den Weg nach oben befinden – was die beiden anfassen hat höchstes interpretatorisches Niveau. Die Entscheidung, gemeinsam als Orgel- und Klavierduo für neue Töne in den Kirchen und Konzertsälen zu sorgen, beförderte nicht nur gemeinsames Lernen und Wachsen, sondern auch spannende Repertoireideen. So geschehen mit der neuen Aufnahme, die für das Label Querstand an der Kern-Orgel der Dresdner Frauenkirche entstanden ist. Diese Orgel ist für die Kaufmann-Brüder genau so ein flexibles Instrument, an dem sich Außergewöhnliches ausprobieren und realisieren läßt. Seit dem 19. Jahrhundert spricht man in der Orgelmusik explizit auch von Sinfonik, wenn Form und Umfang eines Solowerkes ja dem einer (orchestralen) Sinfonie entspricht. Warum also nicht einmal eine Orchestersinfonie für die Orgel bearbeiten?

Die Idee ist nicht neu, und gleichzeitig mit vielen Transkriptionen entstanden ja vor allem in den Niederlanden und den USA auf Basis von Orgeln und Orgelwalzen skurrile Orchestrions und Musikautomaten, die Verdi & Co. mit Autohupen, Schlagzeug und Glockenspielen darboten. Doch Markus und Pascal Kaufmann arbeiten absolut seriös und mit ganzem Respekt vor der Originalpartitur. Entschieden haben sie sich für Antonín Dvořáks berühmte Sinfonie Nr. 9 e-Moll „Aus der neuen Welt“, die auf diese Weise erneut eine „neue Welt“ erhält, nämlich die der Orgelfarben des Instruments in der Dresdner Frauenkirche. Die Wahl fiel ganz bewusst auf diese Sinfonie, denn im Gegensatz etwa zur „Breitwand“ einer Bruckner-Sinfonie instrumentiert Dvořák hier bis in kammermusikalisch intimste Momente, läßt Melodie und Begleitung fast taktweise neu erklingen.

Eine Herausforderung besonderer Art, und dennoch genau das richtige Instrument, denn an der Kern-Orgel konnten Markus und Pascal Kaufmann mit über 400 verschiedenen Registrierungen die Sinfonie lebendig neu – mit den Möglichkeiten der Orgel – zeichnen. Die CD ist also nicht nur eine Möglichkeit, Dvořák oder die hervorragenden Interpreten kennenzulernen, sondern auch das Instrument in allen seinen Facetten. Bei aller Kleinteiligkeit der Abschnitte hat man dennoch den Eindruck eines großen, plausiblen Flusses der Musik und gerade mit den für Dvořák charakteristischen Steigerungen gehen die Kaufmann-Brüder sorgsam um – es wäre fatal für dieses Stück, beim ersten forte das Kind mit dem Bade auszugießen. Besonders im 4. Satz ertappt man sich dabei, echte Oboen oder Flöten zu imaginieren, die Illusion ist perfekt! Auf die Tücken des Raumes geben die beiden Organisten gut acht, und dass der 2. Satz dann doch ein wenig langsam gerät, fällt erst im Gesamtzusammenhang auf.

Die CD enthält noch zwei weitere Überraschungen, denn recht launig fangen die Kaufmann-Brüder mit Dvořáks „Humoreske“ an, heute vor allem in der Gesangsbearbeitung als „Eine kleine Frühlingsweise“ bekannt. Und nach so viel irdisch-weltlicher Sinfonik widmen sich die Organisten dem Abbé Franz Liszt, dessen Franziskus-Legende die menschliche Verbindung zur Natur und zum Glauben bekräftigt – ein wärmender Abschluss dieser außergewöhnlichen und überzeugenden Orgelmusik.

  • Markus und Pascal Kaufmann an der Kern-Orgel in der Frauenkirche zu Dresden „Aus der neuen Welt“ – Antonín Dvořák, Sinfonie Nr. 9, Querstand VKJK1908, 2020

Veröffentlicht in Rezensionen

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