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Eine intime Angelegenheit

Ælbgut und Wunderkammer mit einer neuen Aufnahme von Bachs Johannes-Passion

Die Passionszeit liegt hinter uns, doch mit der vielschichtigen Geschichte kann man sich im Jahreslauf eigentlich immer befassen, weil sie nicht nur durch den Leidensweg Jesu führt, sondern auch von zutiefst menschlichen Grundhaltungen von Trauer und Sorge ebenso wie Trost und Hoffnung erzählt. In der in Sachsen besonders lebendigen Tradition der Musikpflege der Passionen von Johann Sebastian Bach ist uns die biblische Erzählung gleichsam in seinen Tönen vertraut. Und doch gibt es sehr unterschiedliche Zugänge zu diesen Werken, die sich in der Rezeption wandeln und neueste musikwissenschaftliche und aufführungspraktische Erkenntnisse einbeziehen.

Wenn dies nicht als Dogma geschieht, sondern wie hier, in der Neueinspielung des Ensembles Wunderkammer, als Einladung, etwas Neues aus dem Werk und der Art es zu spielen gewinnen zu können, ist das ein bereicherndes Erlebnis. Unabdingbar ist es bei den Passionen, eine absolut beteiligte Haltung dazu einzunehmen, sei es von der Geige oder vom Continuo aus oder als die Handlung stützender Sänger. Aus diesen verschiedenen Perspektiven wird die Geschichte erst lebendig, und Musikinterpretation sollte auch niemals etwas Festes, gesetzlich verankertes sein.

Zwar gibt es die heute überwiegend praktizierte, verschiedene Fassungen vereinigende Ausgabe der Johannes-Passion der Neuen Bachausgabe, doch das Ensemble Wunderkammer entschied sich für eine Version aus dem Jahr 1725 mit drei nur hier anzutreffenden Arien und einer gewichtigen Veränderung am Anfang und Ende des Werks: Statt dem Chor „Herr, unser Herrscher“ steht am Eingang der Choralchor „O Mensch, bewein dein Sünde groß“, der später in die Matthäus-Passion übernommen wurde. Der Schlusschoral ist in dieser Fassung ein Agnus Dei: „Christe, du Lamm Gottes“. Ein Jahr nach der Uraufführung hat Bach hier große Eingriffe vorgenommen, die er später teilweise wieder zurücknahm. Ein Grund ist nur zu vermuten: war der ursprüngliche Eingangschor zu gewaltig, zu modern in seinen Dissonanzen?

Solistisch besetzt: die Johannes-Passion in der Einspielung mit dem Ensemble Wunderkammer und Ælbgut. links: Benedikt Kristjánsson, Martin Schicketanz, Felix Schwandtke. Rechts: Stefan Kunath, Florian Sievers, Isabel Schicketanz

In mehrfacher Hinsicht ist bei dieser Neuaufnahme der Johannes-Passion der Name des Ensembles beinahe gleichzusetzen mit dem Hörerlebnis: natürlich ist Bach selbst die immerfort Geist und Gemüt flutende Wunderkammer, aber es braucht Musiker und Sänger, die auch entsprechendes Herzblut dafür verwenden. Und ein wenig klingt es, als hätte das Ensemble Wunderkammer, das auf historischem Instrumentarium agiert, das Staunen gleich zuoberst in die Ensemblestatuten gesetzt. Denn nichts klingt hier nach bekanntem Repertoire oder nach abgeklärter Haltung, die manchen Originalklangensembles manchmal auch schon zu eigen ist. Mit dem Staunen bewahrt sich diese Aufnahme die Plastizität und vermag die Kräfte der biblischen Ereignisse durch Bachs Musik hervorragend zu transportieren.

Dabei ist die Entscheidung für einen minimal mit Solostimmen besetzten Chor und einem Folgen der Musik ohne einen Dirigenten so existenziell für den Werkeindruck wie plausibel. Denn ebenso wie man einer sehr intimen Angelegenheit zu lauschen glaubt, ist die direkte Ansprache der schlank und sicher geführten Vokalstimmen des erst vor zwei Jahren gegründeten Dresdner Ensembles Ælbgut an den Zuhörer immer spürbar – in den Arien mit der gestalterischen Distanz eines Kommentars oder mit der Öffnung eines emotionalen Raumes, in den Chören eher lyrisch denn dramatisch agierend.

Die Choräle weisen eine natürlich wirkende Homogenität auf, die trotzdem nie nivelliert ist: individuelle Stimmfarbe und Stimmausdruck sind hier explizit erwünscht. Mit überragender Einfühlsamkeit für die Text-Musik-Beziehung gestaltet der Evangelist Benedikt Kristjánsson seine das Werk tragende Partie. Er war am diesjährigen Karfreitag auch der Hauptprotagonist der gestreamten Aufführung einer Kammer-Fassung der Johannes-Passion in der Thomaskirche Leipzig. Wenn man schließlich nach dem kontemplativen Schlußchor „Ruht wohl“ im Agnus Dei anlandet, hat man das Gefühl einer besonders intensiven, aufrichtig musizierten Lesart der Passionsgeschichte beigewohnt zu haben. Und dieses musikalische Erlebnis kann man sich durchaus an allen Tagen des Jahres gönnen.

 

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Veröffentlicht in Dresden Rezensionen Weblog

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