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Wie im echten Leben?

AuditivVokal öffnet (s)einen musikalisch-virtuellen „Schützraum“

Es ist ja schon ein bizarrer Vorgang geworden, dass man sich Online-Konzerte brav in den Kalender einträgt und fast schon ritualisiert Kaffee oder Gebäck zum Bildschirmgenuss bereitstellt. Sind dann noch die anderen 14 Arbeits-Tabs im Browser geschlossen und der auditive Echtraum vom Garten (da spielen, noch ganz analog, tatsächlich Kinder im Sandkasten) durch Fensterschließen gedimmt, steht der ruckelfreien Übertragung der zeitgemäßen Klänge aus dem Äthernet von AuditivVokal nichts mehr im Wege.

Das Publikum im Schützraum ist schon da.

Derweil hat man am Freitagabend im Konzertsaal der Musikhochschule ebenfalls Vorbereitungen getroffen: die Gäste sind da, nämlich gut zwei Dutzend Bildschirme, die in den Reihen Platz genommen haben und dementsprechend für die pünktlich um 19.30 Uhr bei youtube und facebook streamenden Sängerinnen und Sänger das Publikum bilden. Ganz wie im echten Leben? – Nein, einiges ist bewusst schräg und schief in diesem zweistündigen „Webzert“ auskomponiert, denn mit der Entwicklung des Formates erfolgt beim Ensemble auch gleich die Hinterfragung, kaum dass der Tracker zählen konnte, wie viele denn überhaupt beigewohnt haben. Das Publikum, das – auch dies schon ein Kontinuum der überbordenden Streamangebote in Corona-Zeiten – brav im Chat die Darbietung goutierte, wurde vom Ensemble gleich einbezogen. Eher trocken dargeboten und im Saft der 60er-Jahre belassen war dabei die Wiederaufwärmung von Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“, der mit einer sehr viel extremeren Behandlung besser beizukommen gewesen wäre: das angekündigte Webmobbing verlief im literarischen Sande.

Metameta? Publikum schaut in Bildschirm, auf dem Jörn Peter Hiekel am gleichen Ort auf einer Leinwand Stefan Prins interviewt, der im Bildschirm auf dem Sessel thront.

Die erwünschte Interaktion mit den Menschen „draußen“ an den Bildschirmen fand jedoch, wenn auch ein wenig unauffällig, in mehreren kurzen vokalen Uraufführungen von Alberto Arroyo, Amir Shpilman, Richard Röbel, Fojan Gharibnejad und Manuel Sánchez García zu Gefühlszuständen wie Hass, Verlangen oder Trauer Eingang – Zuhörer sendeten dazu kleine Soundclips über Whatsapp und Facebook-Chat. Glucksen, Zungeschnalzen und kehlige Geräusche waren da ebenso zu hören wie das Statement „Ich mag Gemüse“, ein seltsam reales Abbild von der Fülle an Interaktionen, die wir aus Chats und Kommentarspalten nur zu gut kennen, allerdings hier in eine kompositorisch ernsthafte Umgebung gebettet.

Bei den aus dem realen Fernsehen sattsam bekannten Einblendungen von Telefonnummern und Lauftexten fehlte eigentlich nur, dass es irgendwelche sinnlosen Gegenstände zu gewinnen gab, oder die Nummer selbst bloß eine vokale Abzocke war. Auch dies also ein Experiment, gar Satire, die bewusst in die Leere (!) des Schützraumes zu laufen verdammt war?

Auf der Bühne, oder doch nur im Web? AuditivVokal (Ltg. Olaf Katzer)

Der Schützraum von AuditivVokal ließ für die Zuhörer zwar offen, in welche Richtung er sich wirklich bewegen wollte. Jedoch wurde eine eher klassische Anordnung von Gesprächs- und Musikblöcken gebildet, die beinahe Erinnerungen an Alexander Kluges Bildungsfernsehen auf abseitigen Programmplätzen wachrief, außerdem konnte man eine fast schon stoische Vermeidung des Theatralischen und des Fails beobachten: eine wohlgeordnete Performance bloß?

Bleibt das absichtsvolle „ü“ im Titel, und damit die Musik von Heinrich Schütz, die mehr als 350 Jahre alt ist und trotzdem ihre Wirkung nicht verfehlt: der „Ruf in die Stille“, den AuditivVokal mit der Motette „Verleih uns Frieden“ in den ersten Corona-Wochen gen Dresden schickten und hier auch noch einmal gezeigt wurde, berührt in Harmonien, die zum Innehalten auffordern. Solcher Art Rückverwurzelung dient dem Verstehen der Vorwärtsbewegung, der wir mit Schütz, mit einem „alten Wissen“ sozusagen das passende Vokabular verleihen. Dann tun sich auch musikalisch neue Wege auf – eine Polyphonie in einer Hybrid-Komposition etwa, wie es die Kompositionsklasse des neuen Professors Stefan Prins an der Musikhochschule für dieses Konzert probiert hat.

Im Kollektiv haben die jungen Studierenden ihre sieben kurzen „Comprovisations“ mit Computer, Instrumenten und Stimme in immer neuen Übermalungen erstellt. Das Ergebnis ist durchaus spannend, wenngleich von der Persönlichkeit der Autoren seltsam entkörperlicht. Das Menschliche bleibt in der Stimme auffindbar, so auch bei Reiko Fütings „in allem frieden“, von AuditivVokal 2018 uraufgeführt und in dem neuen Projekt integriert. Am Ende bleibt weniger der Eindruck, einem Konzert beigewohnt zu haben (und auch dies nur fern-gesehen), sondern einem Ensemble, das sich mit jedem Projekt neu sortiert, neu befragt, sich und die Musik weiterdenkt. Das ist ein innovativer Nährboden, der erst die aktuellen Verschränkungen von Nähe und Ferne, Virtuellem und Realem auf das Diskurstablett hebt – mit offenen Ergebnissen.

Bei Youtube ist der Schützraum weiterhin begehbar:

Fotos (c) Doc Winkler Photography

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Veröffentlicht in Dresden Rezensionen

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