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Beklemmung und Schönheit

Täglich laufen bei mir viele Neuheiten, Projekte, und die Newsletter der großen Klassik-Labels durch die Mailbox. Selten und wertvoll sind jedoch die Momente, dass man beim ersten Anhören einer neuen Aufnahme plötzlich hängenbleibt, es nicht wagt, die Stoptaste zu drücken oder gar andere Tätigkeiten nebenher aufzunehmen. Bei „Aralkum“ von Galya Bisengalieva ist genau dies passiert, und daher habe ich mir die Aufnahme, hinter der eine spannende Entstehungsgeschichte steht, genauer angesehen.

Galya Bisengalieva

Dabei hat mich bei „Aralkum“ auch der zunächst mystisch-poetisch scheinende Titel gelockt, ich wusste weder etwas über den Hintergrund dieses Wortes noch über die Interpretin und Komponistin, die britisch-kasachische Geigerin Galya Bisengalieva. Um so freudiger war ich, als ich erfuhr, dass sie ausgerechnet mit einer von mir hochgeschätzten Klangkünstlerin, der Komponistin Shiva Feshareki, schon zusammengearbeitet hat (für das Album EP TWO aus dem Jahr 2018). Bisengalieva hat eine eindrucksvolle musikalische Biografie mit klassischer Geigen-Ausbildung in Kasachstan und London, sie arbeitete dann aber auch mit Komponisten der Film- und Minimal Music (Steve Reich, Terry Riley, Pauline Oliveros) ebenso zusammen wie mit dem London Contemporary Orchestra oder Musikern wie Radiohead oder Actress. Aus dieser Aufzählung wird schon deutlich, dass sie ihre stilistischen Möglichkeiten immer wieder erweitert hat und insbesondere zur elektronischen Musik eine starke Affinität hat.

Cover von „Aralkum“

Und vermutlich sind es auch diese intensiven Klanglandschaften, die Bisengalieva auf ihrem Debütalbum beim Label One Little Independent schuf, die mich beim Hören nicht losgelassen haben. Bei „Aralkum“ geht es nicht etwa um mystische Gedichte, sondern tatsächlich um die Umweltkatastrophen am und im Aralsee (über den Link kann man eine Doku vom WDR/SWR aus dem Jahr 2007 sehen). Es ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit der Heimat der Komponistin und gleichzeitig eine Verbindung von künstlerischer Freiheit mit einem starken Engagement für Umwelt und Klima. Das ist um so bemerkenswerter, da viele Details dieses Themas im Westen kaum bekannt sind. Vielleicht schafft ja die Musik dieser Künstlerin einen neuen Zugang, eine Sensibilität dafür, wie wir mit unserer Umwelt umgehen.

Was Bisengalieva da auf rein instrumentaler Ebene schafft, ist ein starkes Statement deswegen, weil sie Protest und Trauer in ein Klanggewand hüllt, das keine Worte benötigt, sondern uns als Zuhörer erst einmal akustisch zu dem Schauplatz transportiert. Dafür hat sich Bisengalieva mit den Klängen des Landes beschäftigt – so etwa mit der kasachischen Bassflöte, mit Tierstimmen und auch mit der Darstellung etwa der Winde. Man spürt daher auch förmlich die Weite der Landschaft, aber eben auch die gedeckten, unwirklichen Farben einer trostlosen, vergessenen und wasserlos-toten Gegend: 1997 hatte der See bereits zehn Prozent seiner ursprünglichen Größe eingebüßt. Das östliche Becken des Sees, das zeigten Satellitenaufnahmen der NASA erstmals 2014, ist mittlerweile durch Deregulierung der den See speisenden Flüsse komplett ausgetrocknet und heißt „Aralkum-Wüste“.

Dass Bisengalieva zu der sofort innere Bilder hervorrufenden Musik auch Musikvideos initiiert hat, erscheint folgerichtig. „Ich hatte das Gefühl, dass ein Musikvideo wichtig war, um den Horror der Aral-Katastrophe rüberbringen zu können. Denn sie gehört in den westlichen Ländern nicht gerade zu der am besten dokumentiertesten“, sagt Galya Bisengalieva. „Der Track lässt einen mit einem Gefühl der Isolation zurück, deshalb wollte ich, dass die Geschichte aus den Augen eines Individuums gezeigt wird“, erläutert sie zu „Barsa-Kelmes“ (Regie: Damir Otegen). Auch zum Track „Kantubek“ gibt es ein Video, das die Landschaft zeigt und einen verstört zurückläßt, denn eigentümlich beißt sich ein Gedanke von Schönheit fest, der eigentlich nicht sein darf. Und doch darf man dieses Album als eigenständiges musikalisches Kunstwerk auch bewundern und gar schön finden. Und vielleicht „…finden wir einen Moment, um darüber nachzudenken, dass es verheerende Folgen für die Natur und das Leben der Menschen haben kann, wenn wir nicht auf das Acht geben, was uns umgibt.“ (Galya Bisengalieva)

 


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Veröffentlicht in Features Rezensionen Weblog

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