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Ungewöhnliche Begegnung –
starke Musik.

Quatuor Diotima spielte Nono und Beethoven

Wie wäre es verlaufen, das fiktive Gespräch zwischen Ludwig van Beethoven und Luigi Nono bei einem Grappa oder einer Melange? „Luigi, du schreibst zu viele Pausen!“ – „Ludwig, du schreibst zu viele Noten!“ – Solche Vorwürfe hätten die beiden sich vermutlich nicht gemacht, und nach dem Erlebnis des Konzerts im Kulturpalast, bei dem beide Komponisten musikalisch aufeinandertrafen, ist eigentlich in diesem fiktiven Treffen nur ein einander anerkennendes Schweigen denkbar. Denn vielfach ging es am Sonntagvormittag um das Nichtgesagte, Unformulierbare und damit um die Ebenen hinter den Noten, die sich nur öffnen, wenn Komponist und Interpreten diese oft zarte und zerbrechliche Welt überhaupt zu erreichen imstande sind. Genau dort können sich aber auch die beiden Komponisten begegnen.

Gut, dass das Dresdner Publikum dieses besondere Konzert live erleben durfte und somit ein wichtiger Baustein der Beethoven-Ehrung der Philharmonie in diesem Jahr bestehen blieb. Und die wird in der Spielzeit ja auch eher kreativ behandelt, nahezu verhandelt, um bei einem rhetorischen Begriff zu bleiben. Beide Komponisten scheinen auf unterschiedliche Art um das Gleiche zu ringen: hier Nono, der mit äußerster Präzision in den Noten eine Art Sicherheit vorgibt, auf der man sich zum Unsagbaren begibt. Dort der späte Beethoven mit dem a-Moll-Quartett Opus 132, das in merkwürdiger Weise ganz Beethoven ist und trotzdem völlig neben ihm steht, dabei die Konventionalität früherer Zeiten über den Haufen werfend, damit der Weg in eine neue Welt überhaupt möglich erscheint.

Starke Musik, dargeboten von starken Künstlern: das französische Streichquartett Quatuor Diotima – der Name ist Hölderlins Roman „Hyperion“ entnommen – gilt weltweit als absolut erfahrenes, mutiges Ensemble für die Musik der Gegenwart und des 20. Jahrhunderts, erkundet aber gerade in einer Residenz bei Radio France auch das Spätwerk von Beethoven. Nono hatte zuerst das Wort im Kulturpalast, das wäre auch andersherum denkbar gewesen – mit anderer Wirkung, selbstverständlich. So wirkte das vielfach mit Hölderlin im Hintergrund denkende Quartett „Fragmente – Stille, An Diotima“ von Luigi Nono aus dem Jahr 1980 in gewisser Weise wie eine Art Substrat des Beethoven-Quartetts, quasi in anderer Körnung verabreicht. Wo Nono Fermaten und Stille benutzt und die musikalischen Ereignisse plötzlich einfach auftauchen und wieder vergehen, da scheint Beethoven tatsächlich in den Tönen selbst zu ringen und zu wringen, das macht der gigantische langsame Mittelsatz mit dem ‚Dankgesang‘ ebenso deutlich wie die kaum einmal beruhigenden Ecksätze.

Nonos Musik gingen die vier Franzosen mit großer, aber nicht übertriebener Spannung an, um die Musik atmen und nicht zu kantig wirken zu lassen. Hier war wieder einmal mit Genuss festzustellen, wie die hervorragende Akustik im Saal auch die feinsten Nuancen am Rande der Hörbarkeit bis zum Rang zu transportieren vermag. Vielseitig war das Repertoire der Klangfarben der vier Musiker, die von aschfahler Beiläufigkeit bis hin zu glitzernder Engelsmusik reichten. Die eigentliche Sensation war dann aber, dass genau diese Klangfarbenarbeit im Beethoven-Quartett fortgesetzt wurde, um verschiedene Verläufe und Ereignisse genau zu fassen.

So klangen die vibratolosen Passagen im Mittelsatz beinahe wie versunkene Glocken, und eine Rondo-Heiterkeit zum Schluss war nicht Sache des Quartetts, stattdessen bissen sich die Franzosen an der plötzlichen Virtuosität fest, als sei sie gar nicht zum Werk zugehörig. Genau das war aber ein innovativer und gleichzeitig noch respektvoller Zugang zu Beethoven, der eben eine disparate Welt nicht zurechtrückte, sondern für sich selbst sprechen ließ. Ein außergewöhnliches, innerlich bereicherndes Konzerterlebnis.

Quatuor Diotima – Website

Foto (c) François Rousseau


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