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Zwischen Wohlklang und Freisinn

Mozart, Britten und Beethoven bei der Dresdner Philharmonie

„Lieblingsstück“ war das Konzert der Dresdner Philharmonie am vergangenen Sonnabend betitelt, und man konnte sich dafür getrost eines der drei gespielten Stücke aussuchen, die allesamt leicht ins Ohr gingen und den Abend im Kulturpalast eher der positiven, gelassenen Seite des Gemüts zuordneten. Die derzeit geltenden Bestimmungen sorgen eben auch dafür, dass Filigranes und Unkompliziertes aus den Federn der Komponisten präsentiert werden kann, wobei natürlich der erfahrene Musikhörer weiß, dass eine ungezwungene Leichtigkeit immer mit Anspruch musiziert werden sollte, sonst wirkt eben auch ein früher Mozart nur fahl und beiläufig. Für ordentlichen Schwung in Wolfgang Amadeus Mozarts 1. Sinfonie Es-Dur sorgte der Gastdirigent Cornelius Meister, Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart, der in Dresden 2008 mit „Promethée“ von Skrjabin sein Debüt bei der Dresdner Philharmonie gab und 2016 an der Staatsoper die Herheim-Produktion von Alban Bergs „Lulu“ leitete.

Dem sinfonischen Erstling des Wunderkindes Mozart, noch unter Vater Leopolds Fittichen in London geschrieben, nähert man sich am besten mit liebevoller Sorglosigkeit, die auch die drei Sätze bestimmte, lediglich dem Andante wurde von Meister schon etwas spannungsvollere Bedeutung eingehaucht. Für ein Lieblingsstück ist die Sinfonie indes zu kurz. Dafür hatte man im folgenden Liedzyklus von Benjamin Britten, der Serenade für Tenor, Horn und Streicher gleich die Auswahl von sechs Lieblingssätzen: Britten griff dafür tief in sein Bücherregal und wählte angelsächsische Lyrik von der Renaissance bis zur Viktorianik aus. Das erschwert zwar den zyklischen Zusammenhang und läßt die Sätze der Serenade wie aneingenanderreihte Perlen wirken, doch das solistisch eingesetzte Horn, das mit Naturrufen Prolog und Epilog übernimmt und entscheidend die Charakterisierung der Sätze unterstreicht, hält das Stück zusammen und taucht es in eine oft kontemplative Atmosphäre.

Mit Stefan Dohr, dem Solohornisten der Berliner Philharmoniker, konnte ein exzellenter Interpret dieses Stücks gewonnen werden und Julian Prégardien sorgte mit seiner weichen, hier adäquat undramatisch eingesetzten Tenorstimme auch für jede Menge Glanz und Wohlklang, so dass Cornelius Meister am Pult nur noch für die richtige Balance und Einbettung der Streicher sorgen musste. Das war insgesamt – und besonders schön in der „Elegy“ nach William Blake – sehr einfühlsam musiziert und am Ende von Dohr mit den von außen tönenden Hornrufen perfekt zur Ruhe gebracht. Der dritte Lieblingsstück-Kandidat auf dem Programm hieß (natürlich) Ludwig van Beethoven, um dessen Jubiläum auch dieses Konzert keinen Bogen machte. Mit purer Heiterkeit im Tonfall allein ist seine knapp gefasste und mit vier eher schnellen Sätzen schon sogleich ungewöhnliche 8. Sinfonie F-Dur allerdings nicht zu erledigen, denn je nach Musizierart schwanken diese konventionell errichteten Fassaden doch erheblich, scheint Beethoven die eigene Art raffiniert zu hinterfragen.

Jedoch schien Cornelius Meister die Sinfonie nicht wirklich beim Schopfe zu fassen bekommen. In der Kommunikation mit dem Orchester gab es Uneinigkeiten, weil Meister mit viel Emotion, aber zu wenig Präzision dirigierte und dadurch etwa der Beginn des Menuetto komplett verwischte oder seine Gesten für einen Tuttiausbruch von jedem Musiker minimal anders verstanden wurden. So wurde mehr freisinnig gepoltert (vielleicht war dies ja Meisters interpretatorischer Ansatz?) als die Noten auf den Punkt gebracht. Diese leicht schwimmenden Momente wiederholten sich leider auch im Finale, dabei wäre diesem „Lieblingsstück“ gerade eine gute Orientierung von vorn hilfreich gewesen.

Foto (c) Alexander Keuk


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