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Wandelkunst, minimalgeformt

Künstliche Paradiese im Japanischen Palais

In Arthur Schnitzlers „Grünem Kakadu“ wird in einer Spelunke die Traum- und Theaterwelt beschwört, während draußen die Revolution in Paris vorbeitobt. Chef der Kneipe ist ein ehemaliger Theaterdirektor, und die Besucher schlüpfen in allerhand Rollen. Damit wird das Draußen ertragbar, zumindest solange man drinnen die Illusion eines ‚künstlichen Paradieses‘ drinnen aufrecht erhalten kann. Auch wenn bei der multiperfomativen Veranstaltung der Sächsischen Akademie der Künste in den Kunstsammlungen im Japanischen Palais am Sonnabend eher Baudelaire mit seinem gleichnamigen Essayband beschworen und gewürdigt (Oda Pretzschner und Lars Jung mit einer starken Performance) wurde, waren auch Schnitzlers Welten nicht weit entfernt.

Katja Erfurth

Für eine Groteske hätte allerdings noch mehr Abseitiges, Provokantes oder Karikierendes angeboten werden müssen, doch Akademiepräsident Holk Freytag war in seiner Begrüßung zunächst einmal heilfroh, dass sich angesichts von Auflagen und Bestimmungen die Kunst an diesem Abend entfalten durfte. Da nur eine Hundertschaft Interessierte sich überhaupt auf die Räume verteilen durfte, umwehte eine Wolke des exklusiven Kunstgenusses den ganzen Abend und ging das Stattfinden des kleinen Kunstfestes einher mit einer Wandelkonzeption: Sängerinnen und Sänger des Ensembles AuditivVokal Dresden führten das Publikum durch die Räume der aktuellen Ausstellung „Inspiration Handwerk“, die durch etwa ein Dutzend Performances – vorwiegend gestaltet durch Mitglieder der Akademie – belebt und teilweise auch kommentiert oder gespiegelt wurden.

Der Hauch einer Groteske blieb dann doch den ganzen Abend bestehen, wenngleich nicht immer absichtsvoll. Im Hof zweifelt Schriftsteller Volker Braun noch neben einem Heizpilz stehend: „Soll ich hier wirklich lesen?“ Er kann überzeugt werden und bringt Verse aus seinem Zyklus „Große Fuge“ zu Gehör – eine Art lyrischer Verschlagwortung eines aus aktuellen Ereignissen geborenen Wortschatzes, den wir seit einem halben Jahr kennen, folgen und (be-) fürchten lernen. Vom Balkon des von Claudia Reh prachtvoll illuminierten Palais tönt das Volkslied „Ach Elslein“, der Caterer bietet „Mouse au chocolat“ und „Wintergrütze“ an. Im Haus tanzt Katja Erfurth zu Florian Mayers Geigenklängen, die Helmut Oehring auf’s Papier gebracht hat. Eine spannende visuelle Ebene bildet der im Hintergrund gezeigte Film von Donata Wenders über die Tradition des Webstuhlhandwerks, der vielfältige Assoziationen zu Fäden, Saiten und Körpern zuläßt.

Draußen klopft Komponist und Percussionist Manos Tsangaris derweil an den Hochbeeten die neueste Lyrik von Marcel Beyer („Dämonenräumdienst“) auf klangliche Qualitäten ab, das ist so schön nebenbei performt, dass man sich schließlich doch beim Zuhören erwischt. Beim Tanz von Nicola Brockmann („Leere und Form“ von Wolfgang H Scholz), die sich aus einer Plastikfolie schält, soll ich mich bitte hinsetzen, man sähe ja gar nichts. Fünf Lyriker haben sich drinnen inzwischen den ungemütlichsten Raum hinter dem Museumsshop gewählt und verteilen am Stehpult eher wenig paradiesische Worte, zum Teil aus dem Osterzgebirge. Sehr intim wird es auch im Raum von Susanne Stock, die kurze Solostücke auf dem Akkordeon spielt, die aber, wie etwa „Journal Nr. 6“ von Annette Schlünz, sehr feingewebte Strukturen und Charaktere haben und in großartiger Spannung erklingen. In der Musik verlieren, das geht also noch.

Oda Pretzschner

Draußen steht Volker Braun auf der Bühne und sagt „Ich breche jetzt ab.“ Um zehn ist das kleine Kunstfest zu Ende; sie lebt noch, die Kunst – im Wandeln erfahren und in Räume verzurrt, minimalgeformt. Dass eine Tanzperformance von Irina Pauls dabei im Hof marschmaschinell auf der Stelle trat, passte in merkwürdiger Weise zur derzeitigen Weltzäsur. Die „künstlichen Paradiese“ indes gilt es weiter zu bewahren, aber auch zu befragen.

 


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