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Nachhall der Musik in den Worten

Uraufführung, Kammermusik und Literatur zum Einheitsfest im Kulturpalast

Bei der Dresdner Philharmonie wurde am Wochenende zum Einheitsfest ein besonderes, mehrteiliges Konzertprogramm aufgelegt, nachdem bereits 2019 ein solch erinnerndes und die belebendes Format etwa mit der Wiederaufführung der Sinfonie „In memoriam Martin Luther King“ von Friedrich Schenker großen Anklang fand. In diesem Jahr sollte eigentlich die Uraufführung der 2. Sinfonie von Christfried Schmidt stattfinden, ebenso sollte der 30. Todestag von Bernd Alois Zimmermann mit einer Aufführung seiner „Ekklesiastischen Aktion“ gewürdigt werden. Doch diese großbesetzten Werke sind in der jetzigen Situation nicht realisierbar.

Der Auftaktabend am Freitag mit der Schauspielerin Martina Gedeck und dem Scharoun Ensemble konnte jedoch in seiner ursprünglichen Konzeption stattfinden – hier lag das Augenmerk auf Ensemblekammermusik des 20. und 21. Jahrhunderts, die sich in besonderer Weise mit Literatur und Lyrik verband. Allerdings scheint es sowohl unmögliches Unterfangen als auch gar nicht die Absicht der Philharmonie gewesen zu sein, einen dezidiert musikalischen Kommentar zum eigens gewählten Motto „Thementage 30 Jahre Deutsche Einheit“ präsentieren zu wollen. Maximal konnte mit den vier vorgestellten Stücken eine Art Sprachraum geöffnet werden, in der Töne mit Worten, Klänge und erzählte Ereignisse sinnhafte oder atmosphärische Verbindungen eingingen.

Die Zuordnung zur Verortung ins Jetzt, 30 Jahre nach der Wende, blieb den Zuhörern selbst überlassen, wobei sowohl der fernste Vorausblick mit einem Henze-Werk aus dem Jahr 1958 gewagt wurde als auch ein sehr aktueller Beitrag („Drei Stücke für Ensemble“, 2018) des in Dresden an der Musikhochschule lehrenden Komponisten Mark Andre deutlich machte, wie spannend auch heute Sprachfindung in der Musik sein kann. Hier hatte man gleich zu Beginn des Abends, da noch kein gelesenes Wort erklungen war, trotzdem schon den Eindruck, es sei etwas Wichtiges mitgeteilt worden – allein hier den Gedanken einer ‚abwesenden Präsenz‘ einer wir auch immer gearteten Heiligkeit kompositorisch zu formen, benötigt besondere Hingabe, ihr zuzuhören nicht minder.

Applaus am Ende des Konzerts für Martina Gedeck und das Scharoun Ensemble (Foto: Alexander Keuk)

Das aus hervorragenden Solisten bestehende Scharoun Ensemble zeigte den ganzen Abend über, hier aber im Besonderen einen spannungsvollen Zugang zu den zeitgenössischen Handschriften, wobei vor allem die Stücke der ersten Hälfte auch eine besondere Forderung nach der deutenden Klanggestaltung stellten. Diesen Ansprüchen wurde das Ensemble aus auch in Dresden bekannten, großartigen freien Musikern – stellvertretend seien hier Baiba Skride als Konzertmeisterin oder der Cellist Claudio Bohórquez genannt – wie auch Mitgliedern der Berliner Philharmoniker hervorragend gerecht.

Als Uraufführung erklang die Kammermusik XVII von Paul-Heinz Dittrich aus dem Jahr 2015, die eigens für diesen Anlass aus dem Manuskript eingerichtet wurde. Wie die Dramaturgie der Philharmonie mitteilte, ist der mittlerweile 89-jährige Komponist schwer erkrankt, um so berührender wirkte die intensive Klangrede seiner Kammermusik, die von einer fast sprengstoffartigen Dichte gekennzeichnet ist und am Ende in eine zerbrechliche Einfachheit mündet. Was hier in Tönen gezeichnet wurde, konnte Paul Celan mit Worten einfangen oder sich diesen eigentlich hinter den Worten stehenden Räumen vorsichtig nähern: Martina Gedecks wunderbar klare Stimme und Prononcierung sorgte dafür, dass die Töne in den Gedichten weiterklingen durften und die Texte in die Musik nachhallten, auch wenn sich diesmal doch hier und da der Eindruck auftat, dass ein intimerer, vielleicht sich näher anfühlender Ort für diese Musik-Literatur-Begegnung geeigneter scheinen würde.

Merkwürdigerweise entfernte sich der zweite Konzertteil von der Intensität des ersten, aber so etwas ist schwerlich planbar. Friedrich Goldmanns Trio für „Trio basso“ (Bratsche, Cello, Kontrabass) war zwar genau gearbeitet, ließ jedoch die nun bekannte entfesselte Emotionalität in der Schublade. Und ähnlich bedacht, fast romantisch zurückfühlend ging Hans Werner Henze 1958/63 in seiner „Quattro Fantasie“ für Oktett vor, während man die literarische Qualität seiner autobiografischen „Reiselieder“ im munteren Vortrag von Martina Gedeck fast mehr bestaunte. Obwohl man sich in der Fülle und im Anspruch dieses besonderen Abends am Ende leicht verloren fühlen durfte, war es doch eine wesentliche Erkenntnis, dass sich mit dem Fest der Einheit verbundene oder präseniterte Kunst keinesfalls auf eine einzelne Aussage, Linie oder gar Haltung reduzieren ließ. Sie bleibt frei und bunt und dafür stehen auch die Interpreten des Abends, die sich stark und ernsthaft für die Komponisten und Autoren einsetzten.

Foto (c) Carsten Koall


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Veröffentlicht in Dresden Rezensionen

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