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Im Dunkelwald mit Vilde Frang

Sinfoniekonzert der Dresdner Philharmonie

Angesichts des Erlebnisses am Sonntagabend im Dresdner Kulturpalast, als die norwegische Geigerin Vilde Frang bei der Dresdner Philharmonie zu Gast war und das 1. Violinkonzert Op. 77 von Dmitri Schostakowitsch aufführte, verbietet sich die bequeme Einordnung ihrer Persönlichkeit in eine behauptete Menge einer spannenden jungen Generation von Geigerinnen. Nein, sie ist Vilde Frang und was sie vom ersten Takt an unmissverständlich zu den Zuhörern transportiert, ist eine Authentizität, die einen sofort weit in die Tiefen der Musik zieht.

Eben noch fühlt man sich sicher und geborgen im großen Saal, doch da spielt eine 35-jährige derart risikoreich und im völligen Bewusstsein für die unmittelbare Gegenwart, das Passieren der Musik, dass man irgendwann selbst nicht mehr auf die Idee kommt, es existiere noch etwas anderes als diese Aufführung. Dabei spielt sie ja nichts anderes, als in den Noten steht, aber man fragt sich glatt, ob Geigerinnen oder Geiger vor ihr wirklich die Konsequenzen, den Grenzfall dieser Komposition und damit die ungeheure Spannung, die sie da aufbaut und zu tragen imstande ist, überhaupt berührt haben.

Man kann es auch ganz einfach formulieren: Vilde Frangs persönliche Ansprache in jeder Phrase, haut einen gerade deshalb um, weil jeder Ton sagt: Ich meine es so. Und ab diesem Punkt verwischen die eigenen inneren Schostakowitsch-Bewölkungen des vermeintlich bekannten Stückes. „Nimm das!“, sagt Vilde Frang und packt gleich im Nocturne des 1. Satzes eine Klangfarbenpalette aus, die von moosweicher Dämmerung bis zum mit voller Absicht ausgestalteten Horrorton reicht. Und angesichts der dynamischen Bandbreite ihres Instruments, einer fast dreihundert Jahre alten Guarneri del Gesù, versucht man zu glauben, dass ihr Bogen doch einen Meter länger sein müsse oder irgendwas nicht mit rechten Dingen…

Aber da ist sie mit der Dresdner Philharmonie, die ihr mit dem singapurischen Dirigenten Kahchun Wong auf Schritt und Tritt folgt, schon im nächsten Dunkelwald angekommen, dem Scherzo, das tatsächlich Monster und Dämonen kreiert, ihr Geigenklang macht es möglich. Die an dritter Stelle platzierte Passacaglia bekommt bei Vilde Frang einen großen Atem, auf dem sie lediglich ausbreitet, was Schostakowitsch sagt, sagen muss.

Die Klangrede steht im Mittelpunkt und sie gerät so intensiv, weil Vilde Frang niemals in die Inszenierung gleitet – vermutlich wüßte sie auch nicht, was das ist, gottseidank. In der Burleske am Schluss lädt Vilde Frang die Zuhörer dann zu einem letzten hochvirtuosen Ritt ein. Wie auf einem in Höchstgeschwindigkeit galoppierenden Pferd jagt man nun gemeinsam mit Vilde Frang durch die Noten, und bekommt dennoch alle Bilder am Wegesrand in gestochener Klarheit gezeigt. Das war ein herausragendes Konzerterlebnis, nach dem man sich in der Pause erst einmal sammeln musste.

Kahchun Wong im Sinfoniekonzert der Dresdner Philharmonie

Doch vor den Zuhörern lag noch die 2. Sinfonie e-Moll von Sergej Rachmaninow, die zwar  satte romantische Züge trägt (und als 1907 in Dresden entstandenes und dementsprechend gepflegtes Werk eine gewisse Geläufigkeit besitzt), aber in ihrer weit ausladenden Form sowohl Musiker als auch Zuhörer gut fordert. Gerade bei diesem Stück kann das Ausgießen der musikalischen Leidenschaft schnell ein dickflüssiger Strom werden, doch das war kein Problem für den jungen Gastdirigenten Kahchun Wong, der auswendig und mit hellwachem Intellekt an dieses sinfonische Schwergewicht heranging und seine entdeckerische Freude in unendlich vielen Gesten ausdrückte, die die Philharmoniker dankbar annahmen.

Damit erhielt er dem Stück die oft über viele Seiten hochzuhaltende Spannung, fand viele ausformbare Nebenstimmen, die zum Hinhören zwangen und legte viel Betonung in das große Ausschwingen der  Bläser-Tutti und wuchtig organisierte Höhepunkte. Passend erschien auch sein ordentlich schnelles Tempo im 2. Satz, was der Musik wieder Raffinement verlieh. Zumindest erschien der Nimbus des russischen Wälzers am Ende dieser kurzweiligen Darbietung einigermaßen abwesend und der große Applaus galt einer musikalisch runden, homogenen Leistung der Dresdner Philharmonie an diesem Abend.

Fotos (c) Simon Porath


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