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Gewaltiges Rauschen

„In Vain“ von Georg Friedrich Haas in Hellerau

Am Sonntagabend hieß es, sich von den diesjährigen Tagen der zeitgenössischen Musik zu verabschieden. Den Prozess des Abschieds konnte man im letzten Konzert (es schloss sich noch eine „Filmnacht“ an) wortwörtlich nehmen: Wer mit den uralten, bequemen und auch nützlichen Hörgewohnheiten bezüglich Rhythmus, Melodie, Form und Klang die Aufführung von Georg Friedrich Haas‘ „In Vain“ (Link zu einer Werkeinführung und Hörbeispiel) besuchte, durfte sich gleich „verabschieden“. Kein anderes Stück stand auf dem Programm, denn der 1953 geborene österreichische Komponist entfaltet in rund 63 Minuten ein Panorama für großes Kammerensemble, das in der sorgsamen Aufführung durch das Österreichische Ensemble für Neue Musik aus Salzburg zu einem Höhepunkt des 21. Jahrgangs des Festivals geriet. Haas arbeitet mit mikrotonalen Strukturen, in der Neuen Musik ist dies zwar ein „alter Hut“, doch Haas‘ individuelle Kompositionsentscheidung für ein langes, von meist bewegten Flächen bestimmtes Werk führt den Hörer nach einer kurzen Einleitung, in der flirrende, zumeist leise Tonleiterabstiege im ganzen Ensemble bereits eine konzentriert „arbeitende“ Atmosphäre verbreiten, in die faszinierende Welt von Obertonspektren und Mikrotönen. Interessanterweise klingt da nichts „schief“ oder „schräg“, obwohl Haas den Gesamtklang des Ensembles verzerrt, im Gegenteil: die genaue Kenntnis der Instrumente und der Möglichkeiten jenseits der temperierten Stimmung führt zu einer schier grenzenlosen Farbpalette des Kammerensembles. Die immer neue Schichtung von Klängen wird so beim Hören zu einer spannenden Entdeckungsreise. Hat man sich in einen Klang eingehört, erscheinen sanfte Übergänge, neue Tonhöhen oder blockartige Gebilde leiten über in die nächste „Phase“. Kaum einmal bricht Haas abrupt ab und Pausen werden auf natürliche Weise in der Musik einbezogen. Haas versteht es überdies, zwischen „bekanntem“ Tonmaterial und den mikrotonalen Strukturen zu changieren – die temperierten Instrumente Klavier und Vibraphon etwa liefern die grundtönigen Bausteine für einen Gesamtklang oder eine bewegte Fläche. Immer wieder entstand so der Eindruck eines neuen Instrumentes, das aber nicht auf der Bühne vorhanden war: mal war es eine riesige Orgel, mal fühlte man sich an die elektronischen „Ondes Martenot“ erinnert, kurzum: die Ohren wurden akustisch sensibilisiert für eine Klangreise, die sogar in die Dunkelheit führte, denn Haas schaltet per Partituranweisung an mehreren Stellen die optischen Reize aus, das Festspielhaus versank in Schwärze oder wurde mit kurzen Lichblitzen erhellt. Für das Österreichische Kammerensemble hieß die besondere Anforderung also neben der Mikrotonalität, die ohnehin ein extrem geschultes Ohr erfordert, Passagen des Werkes im Dunkeln auswendig und ohne Dirigent zu spielen. Dass sich über die 63 Minuten Dauer dann immer wieder solche spannenden Klangeindrücke formierten (im Höhepunkt in der 2. Dunkelphase hatte man plötzlich den Eindruck, dass dort nicht 24 Musiker sitzen, sondern mindestens 100, so gewaltig war das Rauschen), ist wohl der optimalen, harten Vorbereitung der Interpreten zu verdanken. Zudem führte der Schweizer Dirigent Jürg Henneberg mit unaufdringlich weichen Hinweisen, jedoch klarer Temposprache durch das Werk. Ungewöhnlich war auch, dass der Beginn des Werkes als Zugabe erneut gegeben wurde, dies geschah zwar aus technischen Gründen, wurde aber von einem begeisterten Publikum unterstützt. Generell stellt die mikrotonale Musik sicherlich einen Sonderfall innerhalb der zeitgenössischen Musik dar, sie ist aber in all ihren Ausdrucksformen als grundsätzliches Prinzip oder auch als „Werkzeug“ einer Kompositionsidee nicht mehr wegzudenken – wenn man in andere Kulturen schaut, die temperierte Musik ohnehin aus ihrer Tradition nicht kennen, ist diese Entwicklung nur folgerichtig in einer Kunst, die sich nicht auf Länder- und Kulturgrenzen einschränken will.

Veröffentlicht in Rezensionen

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