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Zu viele Irritationen

„European Workshop for Contemporary Music“ gastierte in Hellerau

Die völlig natürlichen Grenzüberschreitungen zwischen den Künsten ist man vom allherbstlich stattfindenden Festival in Hellerau gewöhnt, so dass ein Ensemble-Konzert mit drei kürzlich uraufgeführten Werken fast schon klassischen Charakter hat: Bühne da, Publikum dort, und los geht es – fast „wie früher“ im Abonnementkonzert. Doch ein solches Ensemble-Konzert kann auch durch seine Dramaturgie reichlich spannend gestaltet sein oder eben mit besonderen Interpretationen aufwarten. In seltenen Fällen gelingen diese Profilierungen nicht und wenn dann auch noch technisch-organisatorische Probleme hinzukommen, muss man von einem besonderen Unglücksfall sprechen. Etwas verwundert reibt man sich die Augen, wenn man die Förderer des Projektes nachschlägt: Das Ensembleprojekt wird unterstützt durch die Kulturstiftung des Bundes und ist ein Gemeinschaftsprojekt des Warschauer Herbstes und des Deutschen Musikrates. Erster Knackpunkt ist der Name, der vermutlich für Irritation bei möglichen Interessenten des Abends gesorgt hat: „European Workshop for Contemporary Music“ mag ein Projektname sein und evoziert eine Interaktivität der Teilnehmer, ist aber als Ensemblename schlicht ungeeignet. Da überdies diese Musikrat-Frucht überwiegend beim Warschauer Herbst zu Tage getreten ist, darf man sich über mangelndes Interesse in Hellerau nicht wundern. Es wäre schön gewesen, wenn dies der einzige Kritikpunkt gewesen wäre. Doch das Konzert hatte von vorne bis hinten eklatante Mängel. Dies begann in einem nur mit Amusement zu ertragenden hochtrabenden Programmtexten („Dabei tritt in der Harfe eine Tugend zutage, die in ihr verborgen ist: harmonische Vielfalt“) und setzte sich mit dem zur zweimaligen Kabarett-Veranstaltung mutierenden Bühnenumbau fort. Auch die Stücke überzeugten wenig: In mehrere selbst aufgestellte Fallen tappte der Komponist Karol Nepelski mit seinem Stück „PRIMORDIUM: Naturalia“. Die These einer „emotions- und inhaltslosen“ Komposition konnte er nicht verwirklichen: selbst eine Black Box ist nicht bezuglos denkbar. Nepelskis Naturalien schienen unfertig und formal reichlich konventionell. Noch schwerer zu ertragen war Filip Matuszewskis „ZuM“, dessen horrend unbedeutender Harfenpart zwar als schlechte Debussy-Stilkopie durchging, aber im Zusammenhang mit dem Hinweis, der Komponist habe beim Komponieren Beethovens späte Streichquartette gehört, völlig in die Irre führte. Vom „präzise eingerichteten Kontrapunkt“ (Programmheft) konnte man sich jedenfalls nicht „wegtragen“ lassen. Positiv hervorzuheben ist das Dirigat von Christian Schumann, der unaufgeregt und souverän durch die beiden polnischen Werke führte. André Werners „Augen-Blicke“ für Alt und Kammerorchester war zwar ein stilistisch eigenständiges Stück, ließ jedoch den Zuhörer im Unklaren, worauf der Focus gesetzt wurde: auf die Hintergrundgeschichte, auf Theatralik, oder auf verschiedenartige Musikstile, die er vermischte und blockhaft nebeneinander setzte? Angehaltene Zeit und „Augen-Blicke“ vermittelten sich mir durch die Musik nicht. Der von Maria Kowollik gesungene Text war zudem nicht im Programm abgedruckt, die Performance (Heike Schuppelius) erhellte das Verständnis ebensowenig, die visuellen Komponenten hätten einer viel klarere Sprache und Struktur bedurft. Am Ende stand Iannis Xenakis‘ „Thallein“ auf dem Programm. Man zollte den jungen Musikern Respekt, denn sie schlugen sich achtbar durch die Partitur. Rüdiger Bohns zackiges Dirigat erscheint nicht unbedingt geeignet für diese Musik, und es waren einige Defizite in der Interpretation zu beobachten. Schade, dass ein so hochrangig angebundenes Projekt, dass vor allem junge interessierte Musiker an zeitgenössische Musik heranführen soll, im Ergebnis blass und wenig professionell wirkt; hier sind zukünftig Verbesserungen wünschenswert.

Der „European Workshop for Contemporary Music“ im Internet-Blog:
http://blogs.nmz.de/szenemusik

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