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Kunst im Zwischenraum

Morton Feldmans Oper „Neither“ im Festspielhaus Hellerau

Nachdem uns das Dresdner „elole“-Ensemble kürzlich das 90minütige Klaviertrio des amerikanischen Komponisten Morton Feldman (1926-87) im Konzert in der Messe vorstellte, konnten Freunde dieser außergewöhnlichen Musik nun ein weiteres Werk des Komponisten im Festspielhaus Hellerau erleben. Das Europäische Zentrum der Künste gönnte sich nach dem erfolgreichen Abschluss der Tanzplattform kaum eine Woche des Durchatmens, bevor mit diesem rätselhaften, rückhaltlos modernem Werk erneut spannende zeitgenössische Kunst präsentiert wurde.

Feldmans Werke sind ab den 80er-Jahren von großen Zeitdauern bei gleichzeitiger Differenzierung und Feinarbeit in den Strukturen geprägt – die Musik fließt, Erklärungen und künstlerische Absichten vermied Feldman. Wie würde sich eine Oper des Komponisten in dieser selbstpostulierten „Losigkeit“ anhören, wo keinerlei Ego oder Aussagedogma mitschwingt? Die Annäherung an den Dichter Samuel Beckett erscheint so logisch wie folgenschwer: nach kurzer, gegenseitiges (Anti-)Verständnis beschwörender Konversation erhielt Feldman auf einer Postkarte das Libretto zu „Neither“.

Als „Anti-Oper“ könnte man dieses Werk aber nur bezeichnen, wenn alle Elemente auch als solches umgesetzt würden. Die Inszenierung der Berliner Künstlergruppe „phase 7 performing.arts“ wählte eine andere Vorgehensweise, behielt Feldmans Grundkonzeption dabei sensibel im Auge. Phase 7 katapultierte Feldman und Beckett kompromisslos ins 21. Jahrhundert und setzte damit eigentlich die Tradition fort, „alte“ (wir sprechen vor 35 Jahren entstandenen Werk) Musik gegenwärtig oder gar mit Visionen der Zukunft zu betrachten. Dementsprechend war das Orchester synthetisch, es wurde aber durch eine Technik der Wellenfeldsynthese über 72 kreisförmig über dem Publikum angeordnete Lautsprecher ein dreidimensionaler Hörraum geschaffen, in der Kreismitte ein Kubus mit Beamerprojektionen und eine Plattform für die Sängerin, der einzigen (Nicht-)Akteurin der Oper. Hier würde klassische Regie kolossal versagen, denn der Text bietet keinerlei Handlungsanlass, weil er Zwischenräume, das Noch-Nicht oder „Weder“ beschreibt.

Ein perfekter Saatboden für Kunst also, in dessen merkwürdiger Ausdruckslosigkeit die digitale Perspektive absolut plausibel erscheint. Und dennoch: am Ende erzeugen die zu Säulen und Gittern angeordneten Scheinwerfer, die jenseits aller „normalen“ Tonhöhen entrückten Ausrufe der Sopranistin (betörend und kraftvoll die Norwegerin Eir Inderhaug) und die flirrenden Projektionen so etwas wie Schönheit, weil sie einen Geborgenheitsraum mit der Musik erzeugen. Und diese will eben nicht aufrütteln, zeigen, aussagen, sondern nur Musik sein. Da staunt man und fragt sich lediglich am Ende, ob es da der Verkünstelung des Orchesterklanges wirklich bedurft hat.

Es war das einzige Manko der Aufführung, dass Feldmans Arbeit mit den Klangfarben der Instrumente in diesem dreidimensionalen Klangraum keine ausreichende Wertschätzung erfuhr. Was offen blieb, ist die Frage, ob Feldmans Ästhetik nicht manchmal die Schönheit und Feinheit der Musik erschlägt. Das Nicht-Wollen in der Kunst stellt sich nicht selten als Sackgasse heraus, in diesem Fall allerdings ist es eine durchaus behagliche.

Published in Rezensionen

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