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Spielarten der „Musique Spectrale“

Tristan Murail und andere im KlangNetz-Konzert

Mit einem „Mini-Festival“ startete „KlangNetz Dresden“ ins neue Jahr – der Verein, der im Veranstalter- und Interpretenverbund Projekte mit zeitgenössischer Musik initiiert, setzte mit „Impulsen der musique spectrale“ thematisch ein spannendes, auch sehr anspruchsvolles Klangzeichen. Es ist eigentlich ein Rätsel, warum diese Spielart der Gegenwartsmusik nur selten Eingang in die Konzertsäle findet, baut sie – in Frankreich entstanden – doch auf der Tradition der zeitgenössischen Musik auf und sucht einen Weg jenseits temperierter Systeme zu erforschen. Die Spektralmusik widmet sich vor allem dem harmonischen Spektrum der Töne und bezieht dabei Tonhöhen, Klangbildung, Zeit und Rhythmus selbstverständlich in den Kompositionsprozess ein.

Dass zumeist mathematische, komplexe Vorgänge Ausgangspunkt und Wesen dieser Musik sind, interessiert vielleicht den Fachmann (so ist es bei traditioneller Musik nicht anders), doch man kann sich auch unvorbereitet den Klängen widmen und dabei neue Hörerfahrungen erleben. Dementsprechend war das erste Konzert auch nicht von großen Erklärungen begleitet. In der Städtischen Galerie fanden sich viele Zuhörer ein – die räumliche Umgebung der bildenden Kunst schien geeignet für eine fruchtbare Auseinandersetzung mit dem Thema. Zu Gast beim Festival war einer der „Gründerväter“ der Spektralmusik, der Komponist Tristan Murail – im Programm wurden ihm Werke der nachfolgenden Generation zur Seite gestellt.

Das Dresdner Ensemble „El Perro Andaluz“ und „Accroche Note“ aus Strasbourg interpretierten – in konzentrierter Spannung sowie selbstverständlich versiert im Umgang der Materie – insgesamt sechs Stücke. Es war auffällig, dass keiner der Werkkommentare im Programmheft sich in wortlastigen Beschreibungen des Kompositionsprozesses erging, sondern fast alle Stücke situative Anlässe hatten, die fast zwingend eine Form oder gar eine ganze Geschichte hervorbrachten. Murails „Les ruines circulaires“ zeichnet auf sehr klare Weise dass Ineinanderfließen zweier Persönlichkeiten im Instrumentalduo nach. „Dualité – Miroirs“ von Francois Busch blieb in der Wirkung etwas abstrakt im Wechsel zwischen den Ebenen Stimme (Francoise Kubler) – Klarinette (Armand Angster) und Zuspielband, und doch ist der absichtslose Spielcharakter eben auch eine Gestalt dieser Musik.

Am Rande der Hörbarkeit, in leisen und rauen Gegenden war „Dans l’ombre des anges“ von Jean-Luc Hervé angesiedelt, bevor im folgenden Stück das genaue Gegenteil zelebriert wurde: „Illud Etiam“ von Philippe Manoury wohnte eine irritierend wirkende Ästhetik des instrumentalen Theaters inne, es entstand beinahe eine Art „sinfonische Dichtung“ für zwei Spieler und Elektronik zum Thema Inquisition, Feuer und Zauberei. Leider versagte ausgerechnet bei diesem die Dynamik ohnehin ausreizenden Stück die Tontechnik: eine fast gesundheitsgefährdende Übersteuerung verhinderte weiteres konfliktfreies Zuhören. „Paludes“, ein Quintett-Stück von Murail schloss sich an, das wieder ins Reich sinnlich-poetischer Klänge zurückführte und gar eine Ahnung von Schönheit und Sanftheit feilbot.

Schließlich wagte man mit John Cages „Fontana-Mix“ – einem Stück, das zufällig freie und festgelegte Parameter zu einer Aufführungskonstellation verbindet – eine überraschende Gegenüberstellung: weniger in der Hinsicht auf ästhetischen Widerstreit, sondern eher als Hinweis darauf, mit welch unterschiedlichen Ausgangsbedingungen man Musik hervorbringen kann, die sich im Ergebnis dann vor allem in ihrem kreativen Potenzial doch näher ist, als man erwartet.

Published in Rezensionen

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