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Romantischer Schmelz und irdischer Mozart

Die Junge Deutsch-Polnische Philharmonie gastierte in der Martin-Luther-Kirche

Schon seit 15 Jahren existiert die Junge Deutsch-Polnische Philharmonie, und von Beginn an hatte sich das Orchester auf die Fahnen geschrieben, nicht nur einmal im Jahr ein Konzertprogramm mit Jugendlichen aus der Grenzregion von Polen und Deutschland auf die Beine zu stellen. Der Grundgedanke geht weit darüber hinaus: Immer wieder nehmen die Programme auf aktuelle Ereignisse oder Feierlichkeiten Bezug, so auch in diesem Jahr zum fünfzigsten Jahrestag des Hirtenbriefs der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder, der einen der ersten Schritte der Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutete. Die Versöhnung kann man in dem Musikprojekt fortgesetzt sehen – eine Woche lang proben die Jugendlichen intensiv unter fachkundiger Anleitung und ziehen dann durch Kirchen und Konzertsäle.

In diesem Jahr scheint der Schwerpunkt des Projektes wieder mehr in Polen zu liegen – vier Konzerten in der Umgegend von Breslau stand das die Tournee beendende Konzert in der Martin-Luther-Kirche Dresden gegenüber. Hierher strömte am Mittwochabend eine treue Fangemeinde und war gespannt auf das diesjährige Programm. Romantischer Musik von Johannes Brahms und Henri Wienawski stand das „Requiem“ von Wolfgang Amadeus Mozart gegenüber. Damit kam das Orchester auch in den Genuss chorsinfonischer Arbeit und der Chor der Technischen Universität Breslau durfte sich auf der kleinen Konzerttournee präsentieren. Auch die Solisten sind zumeist Studenten oder (ehemalige) Mitglieder des Orchesters.

Als Dirigent stand der Leiter des Vogtlandkonservatoriums in Plauen, Jörg Leitz, zur Verfügung. Mit sattem romantischem Schmelz zogen zu Beginn die Klänge der „Tragischen Ouvertüre“ von Johannes Brahms durch das Kirchenrund und vermittelten gleich einen guten Eindruck von dem, was hier in kurzer Zeit zusammengewachsen ist: Streicher und Bläser spielten nicht nur sauber und aufmerksam, sie bemühten sich auch um zielgerichtete Phrasierung und verlieh dem Stück dadurch viel Charakter. In Henri Wienawskis 2. Violinkonzert, ein übrigens viel zu selten erklingendes Werk, hatte nicht nur die Solistin Krystyna Wasik umfangreiche Aufgaben zu bewältigen – dem Orchester kommt hier im spätromantischen Satz eine ebenso wichtige Rolle zu. Bis auf wenige Wackler in den schnellen Passagen des 3. Satzes gelang das außerordentlich gut. Krystyna Wasik wiederum konnte man nur beglückwünschen, weil sie das doch mit allerhand virtuoser Ornamentik gespickte Konzert ruhig, mit einem schönen großen Ton und vor allem stets mit einem Ohr auf das hinter ihr begleitende Orchester anging. Dass hier und da die Intonation im Gesamtgefüge etwas litt, war angesichts der schönen Musikalität zu vernachlässigen.

Ähnliches gilt für das Mozart-Requiem, das sich – dies ist bei einem Projekt mit Jugendlichen ein Kritikpunkt – ohne Pause für Musiker und Publikum anschloss. Nicht mehr ganz reichte da die Aufmerksamkeit für die verschiedenen, oft sehr plötzlich entstehenden und wieder vergehenden Charaktere der Musik. Hier war vor allem der Chor der Technischen Universität Breslau die Anschubkraft. Malgorzata Sapiecha-Muzol hatte die knapp 40 Sänger hervorragend vorbereitet: die Rufe des „Rex tremendae“ etwa waren prägnant, es wurde dynamisch sehr differenziert gesungen und der Text sehr gut deklamiert. Jörg Seitz tat gut daran, überwiegend auf flüssige Tempi zu setzen, die den Ensembles zur Musizierlust verhalfen. Die vier studentischen Gesangssolisten aus Breslau, Daria Stachowicz, Agnieszka Pulkowska, Bartosz Nowak und Stavros Chatzipenditis lösten ihre Aufgaben gut gut – sicherlich war aber hier noch Entwicklungspotenzial vorhanden und vor allem Stachowicz hatte mit ihrem volltönenden Soprantimbre mit den feinen Mozartlinien einige Probleme. Zum Ende hin fehlte dann doch die werkübergreifende Intensität, das „Lux Aeterna“ in eine transzendente Atmosphäre zu überführen – Erleichterung überwog in diesem eher irdisch musizierten Ende. Und doch – gerade wenn Jugendliche sich dieser wunderbaren Musik nähern, bekommt man eine große Ahnung, was Leben, Versöhnung, Verständigung alles bedeuten kann. Allein dafür sind die Konzerte der Jungen Deutsch-Polnischen Philharmonie höchst wertvoll und die Musiker nehmen auch in diesem Jahr sicher ein unvergessliches Erlebnis mit nach Hause.
(30.7.2015)

Published in Rezensionen

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