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Augen auf und durch!

Drei Stunden Kammermusik bei der Langen Nacht der Moritzburg Festival Akademie

Traditionell stellen sich in der ersten Woche des Moritzburg Festivals die jungen Akademie-Teilnehmer im Konzert vor. Die seit 10 Jahren bestehende Akademie eröffnet den Musikern neben dem Orchesterprogramm für das Eröffnungskonzert und weiteren Gastspielen die Möglichkeit, mit Profi-Dozenten Kammermusikwerke zu erarbeiten und aufzuführen. Und jeder Jahrgang ist etwas Besonderes, denn natürlich kennen sich die Musiker vorher nicht und wenn sich viele an einem bestimmten Punkte eines langen Weges der Ausbildung befinden, sind sie doch individuelle talentierte Künstler, die sich nun in einem Quartett oder Quintett auf das Experiment Kammermusik einlassen.

Für die Zuhörer bedeutet die Lange Nacht drei Stunden voller spannender Hörerfahrungen: da gibt es Instrumentalisten, die sich ad hoc derart gut zusammenfinden, dass man augenschließend meint, einem jahrelang gewachsenen Ensemble zuzuhören. Andere setzen auf den spontanen Moment der Konzertspannung oder präsentieren eine besondere, in der letzten Woche gemeinsam erarbeitete Lesart. Ein wenig bedauern musste man die Absenz der Bläser in diesem Jahr, diese hatten schon beim Proschwitzer Musik-Picknick ihr Können gezeigt. Doch insgesamt zwölf Streicherkammermusiken entschädigten reichlich.

Mit Haydn und Schostakowitsch als Eckpfeilern war das Augenmerk auf das 18. und 19. Jahrhundert gerichtet. Das ist verständlich, aber trotzdem ein kleiner Wermutstropfen, denn im Hinblick auf eine in allen Belangen zu fördernde Entwicklung der Musiker sollte Zeitgenössisches unbedingt eine – selbstverständliche – Rolle spielen. Dem Konzert, das merkte man bei allen durchweg ein hohes Niveau zeigenden Interpretationen, ging eine wohl harte Arbeitswoche voraus, wenngleich die Musiker die Proben gelassen nahmen: „Musizieren, essen, schlafen“ – so genügsam kann sich der Tagesablauf eines Akademieteilnehmers darstellen. Wenn dabei solch begeisternde Ergebnisse herauskommen, scheint die Moritzburg Akademie auf dem richtigen Weg zu sein.

Ein Haydn-Quartettsatz war da ebenso kundig ausgestaltet wie etwa ein weniger geläufiger Satz aus dem 2. Quartett von Alexander Borodin. Beethovens Opus 18 Nummer 1 wurde mit gehörigem Ernst angegangen, Rossinis Streichersonate kam eher unterhaltsam daher. Was in diesem Fall zu spüren war, schlug sich auch ein wenig im Publikumsentscheid der Akademiepreise des Freundeskreises des Moritzburg Festivals nieder: wenn der Komponist mithilft, ist die Begeisterung ungleich größer. Sprödere Stücke hatten trotz toller Interpretation möglicherweise weniger Chancen, trotzdem war der Hörgenuss etwa beim Streichquartett von Samuel Barber, von welchem eben mal nicht das in aller Ohren befindliche Adagio erklang, keineswegs geringer.

Schließlich ging der erste Platz sehr verdient an Tom Yaron, Abigel Kralik (beide USA), Franziska Luisa Hodde (Deutschland) und Barbara Warchalewska (Polen) für die mitreißende „Augen auf und durch“-Interpretation des 3. Satzes aus Dmitri Schostakowitschs 3. Streichquartett A-Dur, auf den Plätzen folgten zwei hervorragende und ebenso international besetzte Quintettensembles mit Stücken von Mendelssohn (Opus 87) und Dvořák (Opus 97). Bei allem Wettbewerbsgedanken blieb aber doch der versöhnliche Eindruck am Ende stärker haften, dass sich alle Ensembles um persönlichen Klang, gemeinsames Tun und intensive Ausdeutung höchst erfolgreich bemühten. Viele von ihnen wird man hoffentlich nicht nur an Orchesterpulten, sondern bitte unbedingt auch in solch intensiven Kammermusikdialogen wiederbegegnen.

Published in Rezensionen

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