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Rückblick auf die Konzertsaison 2015/2016

Was war, was wird? Was war herausragend, wo konnten Erwartungen dagegen nicht erfüllt werden? Auch die vergangene Kultursaison hatte wieder vieles im Angebot: zwischen großartigen Aufführungen und missratenen Abenden. Nun gehen DNN-Autoren zum wiederholten Mal auf Erinnerungsreise mit Blick auf die abgelaufene Saison. Wie jede Rezension, wie jeder subjektive Blick auf kulturelle Veranstaltungen in Dresden soll auch dieser Rückblick streitbar sein und Widersprüche produzieren. Heute bilanziert Alexander Keuk (DNN vom 19. August 2016)

Herausragendes Ereignis

Ich bitte um Verzeihung, dass ich mich nach drei Jahren wiederhole – aber wer bei den Dresdner Musikfestspielen ein solches Gesamtkunstwerk wie die Komplettaufführung von Olivier Messiaens „Catalogue d’Oiseaux“ hinlegt und der hoch brillanten dreistündigen Aufführung auch noch eine ebenso sympathisch-kompetente Konzerteinführung zu einer wahrlich nicht im Vorbeigehen konsumierbaren Musik voranstellt, der hat sich hier den Platz verdient: Pierre-Laurent Aimard ist einer der weltweit führenden Pianisten, und das nicht nur der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, dem sein Herz gehört. Mit diesem heutigen Blick erscheinen auch Bach und Ravel unter seinen Händen neu. Und wenn er mit blitzenden Augen von Messiaens vogelkundlich-kompositorischen Experimenten berichtet, dann spricht da ein tiefes Verständnis, aus dem heraus er im Mai einen gloriosen Konzertabend formte. Ein zweites wichtiges Ereignis sei ebenfalls hervorgehoben: dass die Staatskapelle Dresden mit Schostakowitschs „Leningrader“ Sinfonie am Elbufer und mit Kammermusiken in der Neustadt den direkten Weg zu den Bürgern und Bewohnern einschlägt, ist ein gutes Zeichen. Dass Kultur ein Gesicht hat und ins Gespräch kommt, sollte selbstverständlich sein. Übrigens auch bei der Straßenmusik, deren Markenzeichen in Dresden die Unausweichlichkeit des Immergleichen ist. Da helfen weder Verbote noch der Passierschein A38, sondern Vielfalt. Schnappt Euch euer Instrument! Ihr könnt es doch alle.

Überraschendster Künstler

Da wende ich den Blick ganz weit zurück an den Anfang der Konzertsaison 2015/2016. Im Schauspielhaus gastierte zu einem ganz normalen Philharmoniekonzert eine Pianistin, durch deren Mitwirkung sich plötzlich der Abend verzauberte. Die 23-jährige Italienerin Beatrice Rana ragt aus vielen sehr guten Künstlern ihrer Generation durch eine unglaubliche Reife und sinnlich wirkende Ruhe an ihrem Instrument heraus, folgt dabei aber ganz natürlich den Intentionen der Komponisten. Der Gastdirigent des Abends, der große Cembalist Trevor Pinnock empfahl diese Pianistin, die 2013 die Silbermedaille beim berühmten Van-Cliburn-Wettbewerb erhielt, für das Dresdner Konzert – die Darbietung des 1. Chopin-Konzertes hinterließ bleibenden Eindruck. Ihren Spuren wird man folgen müssen – ihren Karriereweg geht sie erfreulich bedächtig und wählt Engagements mit Sorgfalt. Hoffentlich führt ihr Weg sie bald wieder nach Dresden.

Enttäuschte Erwartungen

Nun ja, von wirklicher Enttäuschung kann in Dresden kaum die Rede sein – die Stadt ist ja voller Musik und nicht jedes Konzert muss perfekt daherkommen – Perfektion allein wäre auch ein falscher Anspruch an die Musik selbst, deren Urgründe so viel mehr ausmacht. Doch manchmal kratzt man sich zumindest leicht am Kopf. Da feiert der Kreuzchor ein urkundlich nicht belegbares Jubiläum mit Ludwig van Beethovens „Missa Solemnis“ – einem Stück, an dem sich selbst gestandene Rundfunkchöre die Zähne ausbeißen? Da gefällt sich ein hin-langlich bekannter Pianist zu Silvester im Raunen und Staunen über Grieg, ohne je selbst zum Stück zu gelangen? Prosit Neujahr! Und da werden Orchesteraufführungen regelmäßig am Straßburger Platz vor reflektierende Glasscheiben und Autoscheinwerfer platziert, ebenso wie Mahler-Bombast in der Kreuzkirche, nach denen man harmonisch mit Herzblut komponierte Übergänge im Mittelgang zusammenfegen kann – nehme sich jeder, was er zufällig aus dem Klangwust noch herausgehört hat. Und dann war da noch der Capell-Compositeur, der weder durch Anwesenheit noch durch eine Uraufführung glänzte. Bloß gut, dass György Kurtágs Werke stark genug sind, um für sich selbst zu sprechen. Ein besonders intensives Augenmerk für die zeitgenössische Musik setzte diese Nicht-Residenz jedenfalls kaum. Erfrischend anders hingegen war das Kennenlernen von José Maria Sánchez-Verdú bei der Dresdner Philharmonie. Dem durfte man durchaus kontrovers begegnen, und zudem hatte er mit Fazil Say und Torsten Rasch auch noch starke Erstaufführungskontrahenten.

Was fehlte in der Saison?

Musikalisch war das Füllhorn groß und jeder Geschmack kommt in Dresden auf seine Kosten. Doch was ich gerne anmahnen möchte, ist das Fehlen eines Weitblickes, sowohl bezogen auf Zeit als auch in Richtung auf kreative Stärkung. Dresden will 2025 Europäische Kulturhauptstadt werden und diskutiert neun Jahre vorher ernsthaft den Bestand eines der wichtigsten zeitgenössischen Kunstfestivals im Osten Deutschlands, der Ostrale? Nicht euer Ernst. Auf der anderen Seite sichert sich Sachsen die herausragende Marzona-Kunstsammlung und plant diese allen Ernstes ins Blockhaus einziehen zu lassen. Mit Sandstein alleine gewinnen wir in der näheren und weiteren Zukunft keinen Blumentopf. Ein wenig Zeit ist ja noch, sich in einer der beiden aktuellen Kulturhauptstädte, San Sebastián und Wrocław, umzuschauen, wie vielfarbig, intensiv und bekennend eine Kulturstadt sich geben kann.

Worauf ist die Vorfreude groß?

Ich glaube, in den Chor meiner schreibenden Kollegen ebenso einstimmen zu können wie in den der zahlreichen Musiker und Theaterschaffenden, die sich derzeit in einer spannenden, erwartenden Stimmung befinden. Das Kraftwerk Mitte mit tjg und Staatsoperette und der Kulturpalast werden zwei neue, lebendige kulturelle Zentren inmitten der Stadt bilden, ersteres bildet dann mit der Musikhochschule und dem Heinrich-Schütz-Konservatorium ein echtes Quartier. Beides sollte Folgen haben: Nicht nur innerhalb der neuen, alten Mauern soll hehre Kunst vollzogen werden, sondern die Menschen, die für Kultur sorgen, und die, denen danach dürstet, sollten hinausstreben und sich in der Stadt verbinden. Das kommende Jahr kann damit ein wichtiger inspirativer Moment für die Stadt werden, dessen wir uns bewusst sein sollten, um auch im Miteinander wieder angemessene Sprachen zu finden.

(Bild Beatrice Rana: (c) Marie Staggat)

Published in Rezensionen

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