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24+1 – let’s prelude!

Guten Morgen, bitte alle hinsetzen, wir machen eine kleine Wissensüberprüfung. Welche Klavierpräludien kennnen Sie? Schweigen im Raum, dann recken sich die ersten Arme. Die erste Antwort ist klar: Bach. Aus den hinteren Reihen ruft einer: „Chopin!“ – Richtig, die Préludes Opus 28. Vorne am ersten Tisch wird leise erst noch debattiert: hat nicht Schostakowitsch auch Präludien geschrieben? Auch richtig, und von hinten wird mir jetzt „Rachmaninov!“ und „Skrjabin!“ zugerufen. Pianoaffine Leser dürften spätestens jetzt die Ohrwurmmaschinerie angeworfen haben, hier und da perlen die Melodien durch’s Ohr, während mir noch aus der zweiten Reihe ein vorlautes „Dieterich Buxtehude“ zugeworfen wird. Falsch, der schrieb für die Orgel, präludierte aber immerhin meisterlich.

Eine neue CD eines kleinen britischen Labels hielt ich nun in den Händen, darauf eine Sammlung von 24 Präludien „plus 1“, denn ein Bonus Track macht sich immer gut, und der kommt immerhin von André Previn – dass ausgerechnet dieses Stück rhythmisch ziemlich vertrackt ist, führt zu einem unvermeidlichen Wortspiel, aber das ist Previn schuld…

24+1 ist demnach auch der Titel der CD und die 25 Komponistenköpfe prangen freundlich grüßend auf dem Cover. Und nun kommt die kleine Sensation: es ist kein. einziges. der obengenannten Meisterwerke auf dieser CD versammelt, nicht einmal als Lückenfüller, um etwaige Preziosen überhaupt an den Mann zu bringen. Stattdessen nun die Frage: kennen Sie Felix Blumenfeld? (der Onkel von Rudolf Neuhaus leitete immerhin die russische Erstaufführung von „Tristan und Isolde“!) Oder gar Boris Goltz? Wussten Sie der große Yeveny Svetlanov auch einmal abseits des Dirigentenpultes zum Notenpapier griff? Und man sich bei Reinhold Glières Präludien leicht die Finger brechen kann?

Nach dem Genuss dieser CD sind Sie klüger. Und um 25 Präludienkomponisten aus der ganzen Welt reicher. Ganz ehrlich: von den meisten dieser Komponisten – der bekannteste Präludienzyklus stammt meiner Meinung nach von Gabriel Fauré, dessen Noten ich zumindest in einem der großen Klaviernotenstapel an meinem Klavier vermute – würde ich mir nach dem Hören gleich die Noten zulegen wollen, was vermutlich im Laden meines Vertrauens einiges Schwitzen verursachen würde, oder auch die Überraschung „Eduard Abramyan? – Klar, haben wir da!“ Letzterem gehört übrigens das Fis-Moll-Prélude auf der Platte, die komplett nach dem Quintenzirkel aufgebaut ist und somit auch in den Farben und Charakteren einiges an Wechselbädern bietet.

Der britische Pianist Dominic John nähert sich all diesen – vorwiegend der Spätromantik entstammenden – Entdeckungen mit souveränem Pioniergeist. Hier und da hört man reichlich liebevolle Annäherung, und wo es sein muss, auch mal gehörigen Pedalrausch – das Präludieren ist ein besonderes Vergnügen, mit dem John gut zurechtkommt. Schließlich wollen hier 25 Stile, Aussagen und Behauptungen gut getroffen werden – und manchmal fliegt auch nur ein Etüdchen vorbei, das versehentlich ein Präludiumschildchen um den Hals hängen hat. Einige Besonderheiten lassen das Ohr verweilen: Da ist „The Holy Boy“, ein Carol-Prélude von John Ireland, das in immerhin 14 Versionen vorliegt und somit auf der Insel breite Bekanntheit genießt. Spannend ist auch ein Ausflug in den – russischen! – Jazz mit Nikolai Kapustins Prélude Es-Dur, während die US-Amerikanerin Lera Auerbach mit ihrem direkt folgenden Es-Moll-Prélude eher blass daherkommt. Hingegen hat die Lakonie eines Erik Satie bei Pierre-Max Dubois seine Spuren hinterlassen, der in der Einstimmigkeit zertröpfelt, bevor Klavierschwan Charles-Valentin Alkan übernimmt…

Die Zusammenstellung wirkt wie einmalig skurriler Ohr-Film mit ungeahnten Farbwelten, und da die meisten Kompositionen Zyklen entnommen sind, wäre gut ein Dutzend CDs mit weiteren Präludien vorstellbar. Doch belassen wir es bei der einen, die bietet genug Vergnügen: jedes Stück, zwischen 48 Sekunden und 4:33 (sic! – ich verrate aber hier nicht, welches…) lang, erzählt seine eigene kleine Geschichte und reizt zum Wiederhören, Weiterhören. Und vielleicht erscheinen dann auch Bach und Chopin in einem neuen Licht…

24+1, Dominic John Piano – Willowhayne Records 2017, Vertrieb über Naxos America (leider…)

Unvermeidlich, das Tracklisting. Bittesehr: GENZMER: 10 Preludes: II. Allegro. VIERNE: 12 Preludes: I. Prologue. FAURÉ: 9 Preludes, Op. 103: No. 1 in D-flat. CUMMING: 24 Preludes: No. 4 in C-sharp min. SVETLANOV: 12 Preludes: No. 5 in D. BLUMENFELD: 24 Preludes, Op. 17: No. 24 in D min. KAPUSTIN: 24 Preludes, Op. 53: No. 19 in E-flat. AUERBACH: 24 Preludes – 1998: No. 14 in E-flat min. MESSIAEN: 8 Preludes: No. 1 in E, “The Dove.” GLIÈRE: 25 Preludes, Op. 30: No. 10 in E min. IRELAND: 4 Preludes: No. 3 in F, “The Holy Boy.” GÁL: 24 Preludes, Op. 83: No. 16 in F min. STANFORD: Prelude No. 37 in G-flat, Op. 179. ABRAYMAN: 24 Preludes: No. 9 in F-sharp min. GOLTZ: 24 Preludes: No. 3 in G. DUBOIS: 10 Preludes: No. 4 in G min. ALKAN: 25 Preludes: No. 15 in A-flat. BOWEN: 24 Preludes, Op. 102: No. 18 in G-sharp. BUSONI: 24 Preludes: No. 7 in A. SZYMANOWSKI: 9 Preludes, Op. 1: No. 6 in A min. BERKELEY: 6 Preludes, Op. 23: No. 5 in B-flat. BORTKIEWICZ: 10 Preludes, Op. 33: No. 10 in B-flat min., “Patetico.” KABALEVSKY: 24 Preludes, Op. 38: No. 11 in B. CUI: 25 Preludes, Op. 64: No. 4 in B min. PREVIN: The Invisible Jazz Drummer: Prelude No. 5 in C

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