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Murradweg 2017 – Teil 2

Mitten in der Königsetappe unserer Tour am Murradweg endete der erste Teil des Berichtes (verpasst? Hier nachlesen!), und es war auch in etwa die Hälfte der gut 352 km bis zur slowenischen Grenze. Im noch etwas verregneten Judenburg machten wir nur einen kurzen Kaffee-Halt, von dort aus ging es sehr viel besser voran, weil wir uns nun nicht mehr im Hochgebirge, sondern im flachen Aichfeld befanden, einem Becken, das die Orte Zeltweg, Judenburg, Knittelfeld, Spielberg und Fohnsdorf vereint.

Judenburg, fast noch im Regen.

Wir hatten hier zu entscheiden, ob wir uns an der nördlichen Seite des Beckens weiterbewegen, und damit der österreichischen Formel-1-Strecke Zeltweg unseren Besuch erweisen oder südlich „über die Dörfer“. Wir entschieden uns für letzteres, eine eher wenig spektakuläre Variante über Großlobming und südlich an Knittelfeld vorbei, die allerdings am Schluss des Beckens mit der nächsten Wetter-Überraschung aufwartete.

Das Murtal verengt sich hier wieder, links liegen die Seckauer Tauern und die Felshänge werden steiler. Diese Gegend ist ein wichtiges geologisches Gebiet, in Preg durchquerten wir einen großen Steinbruch. In einem Ort mit dem idyllischen Namen Chromwerk war dann erst einmal Schluß – nicht zum letzten Mal auf dieser Tour standen wir vor einer wetterbedingten Straßensperre. Ein Teenager regelte den Verkehr und bedeutete uns umzukehren. Wir legten erst einmal eine Mittagspause ein, berieten uns und von einer hinter der Bushaltestelle liegenden Wiese bedeutete man uns mit einer Armgeste, es doch zu versuchen. Umkehren kann man ja immer noch.

Und wirklich: wir passierten einen kleineren Hangrutsch, doch ein Teil der Straße war auch schon wieder gesäubert und Kehrmaschinen kamen uns entgegen. Glück gehabt. Wir passierten dann St. Stefan ob Leoben, das quer zum Tal über den Feldern wie auf einer Terrasse liegt, die Kirche vornean. Dann näherten wir uns unserem ursprünglich geplanten Etappenziel St. Martin – wohlwissend, dass es nach Leoben noch einiges mehr an Kilometern wäre, und schließlich hatten wir auch schon einen empfindlichen Regenvormittag hinter uns. Doch St. Martin enttäuschte uns, da nicht nur der gesamte Ort von Autobahnen und Schnellstraßen umgeben ist. Das Zentrum liegt einigermaßen unwirtlich in einer Senke und der einzige Gasthof sah nicht sehr einladend aus. Kurze Beratung – und weiter! Leider begegneten wir nach gut 2km schon einem handgemalten „GESPERRT“-Schild, probierten aber auch hier unser Glück mit Vortasten bis zum Unglücksort.

Schlammfeld bei St. Martin

Davon gab es in dem schmalen Hanggebiet neben der Autobahn allerdings gleich mehrere und einer hatte es in sich – der komplette Radweg war völlig verschlammt, so dass wir unsere Räder durch den wadentiefen Schlamm tragen mussten. Die Reststrecke nach Leoben verbrachten wir grummelnd und fluchend, hatten dann aber wenigstens in einer SB-Waschanlage Spaß mit dem Hochdruckreiniger. In Leoben selbst goss es in Strömen, so dass wir nach dem obligatorischen Kaffee auf dem Hauptplatz schnell ein Quartier suchten und fanden, um ins Trockene zu kommen. An Sightseeing oder Spaziergänge war bei dem Regen, der bis Montagmorgen anhielt, nicht zu denken.

Leoben am Montagmorgen: der Regen ist weg, die Müllabfuhr auch.

Das Frühstück nahmen wir nicht in der Pension ein, die ansonsten super modern und angenehm direkt am Stadttor, dem Schwammerlturm liegt, sondern in einem Café am Hauptplatz – dort begegneten wir auch dem Müllwagen wieder, der uns am Montagmorgen um 5.23 Uhr (!) geweckt hatte, was uns zwar in Erinnerung blieb, wir hätten aber gerne andere touristische Highlights mitgenommen. Leoben liegt in einer Murschleife und atmet kleinstädtische Behaglichkeit, zudem ist der für die Stadt wichtige Bergbau schon durch den wie ein kaputter Zahn vor der Stadt liegenden Galgenberg sichtbar. Vor der Stadt hat außerdem die große Gösser Brauerei ihren Sitz. In einem umgebauten Kloster ist ein großes Einkaufszentrum versteckt, dort deckten wir uns für die nächste Etappe ein – außerdem wurde hier der endgültige Entschluss gefasst, bis Bad Radkersburg weiterzufahren.

Finden Sie den Murradweg!

Ursprünglich – Wien war ja als Ziel geplant – hatten wir nur die Schleife bis Graz vorgesehen oder gar einen direkten Weg von Bruck die Mürz entlang Richtung Semmering und Wiener Neustadt. Doch der weitere Murradweg schien uns verlockender, so dass wir ein Zugticket von Bad Radkersburg nach Wien buchten – der ÖBB-Sparpreis ist allerdings für Deutsche online nur buchbar, wenn man dem Secure-Verfahren der Kreditkarte angemeldet ist oder ein Konto in Österreich hat. Beides war nicht der Fall und so wurde die nette Zugfahrt über den Semmering leider etwas teurer. So weit waren wir aber noch nicht. Am Montag stand Leoben-Graz an, wiederum war aber das Ziel offen. Bruck an der Mur war so schnell erreicht, dass wir den Morgenkaffee hier noch nicht einnehmen wollten, stattdessen wurde dieser einige Kilometer weiter beim Ritschi-Wirt in Pernegg genossen. Dort befanden wir uns schon im wieder engeren Murtal in Richtung Graz. Damit hatten wir die Mur-Mürz-Furche verlassen – ein wunderbares Wort für die tägliche Verbalhygiene oder -gymnastik übrigens. Die Etappe war eigentlich eine der angenehmsten – das Wetter war nun nach den Gewittern und Regengüssen genau richtig zum Radfahren und wir blickten nach Bruck nur noch auf Wälder und Hänge. Als mir das Wort „Herrlich!“ entfuhr, muss das auf unser Karma einen Einfluss wie ein Dolchstoß gehabt haben – nach der nächsten Kurve standen wir vor dem nun auf gut 100m komplett überfluteten Radweg, da er sich hier in einer Senke zwischen Bahnlinie und Mur befand. Wir fühlten uns wie im Regenwald, unser einziges Glück war eine Radlergruppe, die wir am Ende der Senke noch aus dem Wasser steigen sahen. Das hieß: die sind durch und „es ist machbar“. Also noch einmal das Gepäck auf wasserdichte Verpackung gecheckt, Schuhe aus (wir lernten dazu) und durch. Gleichzeitig bekamen Rad und Radler eine hüfttiefe Erfrischung – es war die letzte Nachwirkung der Unwetter der letzten Tage.

Zur Vitrine? Oder doch in den ehemaligen Gasthof?

In Frohnleiten machten wir eine Mittagspause, die malerische Altstadt lud zur Pause geradezu ein. Wir beschlossen hier, nicht ganz bis Graz weiterzuradeln, sondern etwa 25 km davor, in Peggau oder Deutschfreistritz unsere Etappe zu vollenden. Vorbei an der Burg Rabenstein erreichten wir am Nachmittag Deutschfeistritz und trafen hier erstmals auf der Tour auf zwei belegte Gasthöfe, beim dritten, dem Gasthof zur Post in Peggau hatten wir dann Glück. Das Dörfchen, das Richtung Osten von einem massiven Felsberg begrenzt wird, bietet nicht viele Sehenswürdigkeiten, immerhin aber eine Informationsvitrine…

Die Berge im Rücken. Blick vom Schloßberg über Graz und die Ebene nach Süden

Am nächsten Morgen ging es frisch gestärkt nach Graz, das nun nicht mehr weit war. Graz liegt wie auf einer Sonnenterrasse nach Süden hin offen – wir hatten nun endgültig die Berge verlassen und unser Zielort Bad Radkersburg liegt nurmehr auf einer Höhe von 209m. Doch Hügel gibt es auch in der Südsteiermark, und nicht umsonst ist diese sonnenreiche Gegend Heimat von vielen guten Weinen, den man zum Beispiel in den vielen, ausgeschilderten Buschenschänken genießen kann. Doch erstmal begeisterte uns Graz, immerhin die zweitgrößte Stadt Österreichs, wenngleich mit 286.000 Einwohnern überschaubar. Kunst, Kultur, Geschichte und Moderne gehen hier eine offene, sich gegenseitig bereichernde Symbiose ein, so dass man als Dresdner, aus seiner verklemmten, pöbeligen und konservativen „Hood“ kommend nur staunen kann – vielleicht sollte man einfach mal alle Dresdner nach Graz schicken (und ohnehin in die weite Welt hinaus – that’s the problem!), damit sie entdecken, was überhaupt alles möglich ist und wie sich ein zukunftsweisender, visionärer Horizont wunderbar mit dem „Alten“ verbinden kann…

Genug der Philosophie. In Graz wird wertgeschätzt: die Grazer sind stolz auf ihre Kunsthalle, sie sind stolz auf ihre Originale, Komisches wie Ernstes, Pathetisches und Niedliches – und die Menschen geben sich höchst entspannt. Überraschend hoch ist die Café-Dichte der Innenstadt, überall kann man sich niederlassen und sich einfach wohlfühlen bei einem „Verlängerten“. Die Stadt erkundet man am besten zu Fuß und im chaotischen „Cruiser“-Modus, denn ungeplant läßt sich hinter jeder Ecke etwas Neues entdecken. Selbstverständlich nimmt man den Schloßberg samt Uhrturm mit in den Spaziergang und passenderweise besteigt man ihn – bei nunmehr wieder fast 30 Grad an diesem Dienstag – von Osten her und läuft die 260 Stufen der Stiege an der Westseite hinunter, die Entgegenkommenden bedauernd.

Dass ich meine im Schlamm zerstörten Turnschuhe in Graz nicht erneuert bekam, war weniger der Schuhgeschäftdichte denn meinem Geschmack beziehungsweise der Entscheidungsunlust zuzurechnen. Möglicherweise ist auch „Schuhekaufen“ nur ein Randgebiet der Aktivitäten, die man bei einem 24h-Aufenthalt in Graz starten sollte. Die Hotelwahl wäre ebenfalls zu überdenken, die ideale Lage des Hotels Mariahilf passte nicht ganz zum ungenießbaren Frühstückskaffee, dementsprechend war auch bei der nächsten Etappe ein Kaffeestopp eingeplant. Die Temperaturen stiegen wieder auf 30-33 Grad, das Radeln war nur anfangs, im schattigen Graz, von dem wir uns mit einem Besuch auf dem Markt hinter der Oper verabschiedeten, erträglich. Dann fährt man durch ein wenig unwirtliche Trabantensiedlungen mit korrekten Vorgärten.

Hauptplatz Graz

Zudem wurde es in der Ebene sehr heiß, die Ansage „sind ja nur noch 10 km bis Leibnitz“ war tröstlich, aber mir sind 10 km selten so weit vorgekommen. Die Jause auf dem Kirchplatz wurde zudem von einem reichlich agressiven Wespenvolk gestört. Die Stadt selbst ist einigermaßen vernachlässigenswert, kann aber als guter Ausgangspunkt für einige Ausflüge in die Weinberge nützen. Unser Plan sah aber weitere Kilometer gen Süden vor, so dass wir uns etwa Spielfeld als Ziel vornahmen. Der österreichisch-slowenische Grenzort war im Oktober in die Nachrichten gerückt, als Tausende Flüchtende über die Balkanroute hier nach Österreich einreisten. Quartier fanden wir im benachbarten Gersdorf. Für Unternehmungen war es zu warm, zudem schien hier auch nicht wirklich viel los zu sein. Eher skurril war auch die Location des Abendessens, der Gasthof lockte zwar mit Backhendl, aber diese Baracke am Kreisverkehr der Autobahn samt einem Papageienkäfig und einem surrealen Plastikspielplatz im Hof muss man kein zweites Mal besuchen.

Kürbisse!!

Nach dem üblichen „Naja, hm.“-Kaffee am nächsten Morgen winkte die letzte Etappe nach Bad Radkersburg erneut mit schnuckeligen 33-34 Grad. Und: Abwechslung war gestern. Wir riefen uns gegenseitig fast die gesamte Strecke nur noch: „Mais!“ – „Kürbis!“ – „Kürbis!“ – „Mais!“ – „Mais!“ zu, denn das waren die visuellen Highlights. Bad Radkersburg selbst liegt in einem südöstlichen Grenzzipfel und überrascht mit einem wirklich märchenhaften mittelalterlichen Stadtkern. Für Wellness-Gäste gibt es natürlich alle Annehmlichkeiten eines Kurbades, so auch eine große Therme. Heute war dann das Zielfoto dran sowie natürlich ein kurzer Abstecher nach Slowenien. Die Stadt Gornja Radgona liegt genau am anderen Murufer, in der Pivohram Golar ließ es sich auf der schattigen Terrasse gut aushalten. Ebenso gut ging es uns im Gasthof Brunnenstadl am Abend, bevor wir endlich wieder ein Gewitter bekamen, es hatte sich ja die letzten drei Tage wieder ordentlich aufgeheizt. Unsere Dachsuite in der Pension Ungarbrücke konnten wir so ordentlich durchlüften, obwohl einige Kracher direkt über uns ohrenbetäubend laut waren.

Radkersburg ist Endstation einer kleinen ÖBB-Strecke, von dort ging es also am nächsten Morgen zunächst nach Wien, wo wir noch ein sehr schönes Wochenende verbrachten, und dann wieder über Prag mit dem Zug nach Hause. Ein toller Urlaub, und den Murradweg – das dürfte der Bericht zeigen – können wir nur empfehlen. Der Radweg selbst führt noch weiter bis zur Mündung der Mur in die Drau in Kroatien, das klingt sehr weit, die Durchquerung Sloweniens gelingt aber hier in knapp 50km. Einen Reisebericht über die weitere Strecke kann man z. B. auf dieser Seite nachlesen. Wir hatten hier in Radkersburg aber unser Ziel erreicht. Uns selbst war bei dieser Reise an Natur und Bewegung gelegen, doch man kann durchaus noch viel mehr Kultur und Sehenswürdigkeiten genießen. Die Strecke kann jeder selbst mit vielen Höhepunkten füllen, und wenn dies nur ein Sprung in den Badesee ist! Von den großen Radwegen in Österreich fehlt mir nun nur noch die Enns, und natürlich der berühmte Alpe-Adria-Sprung. Weitere Empfehlungen nehme ich gerne entgegen!

 

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