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Ohne Gewalt

6. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden

Mendelssohn, Bruckner, Zimmermann, Thielemann. Das klingt schon im einfachen Aussprechen so rund, dass man im Konzert keinerlei Befürchtungen haben muss, irgendetwas könnte nicht passen. Maximal wäre die Frage erlaubt, ob da nicht in der Runde noch ein Kontrast oder ein Ausflug zum Horizont fehlt. Doch das bieten eigentlich die beiden Komponisten in ihren Stücken selbst zur Genüge an und wenn so ein phänomenaler Geiger und der im deutschen romantischen Repertoire höchst erfahrene Dirigent das Konzert ausgestalten, ist die Unterhaltung im Mindesten anspruchsvoll, wenn nicht gar bereichernd.

Frank Peter Zimmermann, diesjähriger Capell-Virtuos und Solist im 6. Symphoniekonzert am Sonnabend in der Semperoper, löste diesen Wunsch auch gleich zu Beginn des e-Moll-Konzerts von Felix Mendelssohn Bartholdy ein. Wenn der Komponist dem Solisten kein Verschnaufen am Startblock ermöglicht, sondern im zweiten Takt gleich alle Scheinwerfer auf ihn gerichtet sind, dann ist es eigentlich die plausibelste und spannendste Haltung des Geigers, den Ball gleich wieder zum Komponisten zurückzuwerfen: „Was willst Du mir erzählen?“ fragt Zimmermann Mendelssohn, und die Geige gibt Antwort – und wie! Zimmermann veredelte das berühmte Konzert, indem er weit auseinanderliegende Phrasen gedanklich verband, Übergänge und Lagenwechsel auf unnachahmliche Weise mit seiner natürlich-kraftvollen Art „unterschrieb“ und trotzdem Mendelssohns Innigkeit in der Melodieentfaltung großen Raum gab.

Frank Peter Zimmermann

Dabei hatte der Geiger stets ein Ohr bei den Streichern und Thielemann legte ihm selbstverständlich parallel den roten Tempoteppich aus. Wenn einem zu Zimmermanns Interpretation am Sonnabend am ehesten die Worte geistvoll und seriös einfallen, so ist das als absolutes Kompliment zu werten, dass hier auch die Reife eines Musikers gesprochen hat, der über Jahrzehnte mit diesem Konzert gewachsen ist und eigentlich nur bescheiden in jeder Phrase freudig demonstriert: Schaut, was für ein Meisterwerk! Damit nicht genug bedankte sich Zimmermann für den großen Applaus mit der „Melodia“ aus der Solo-Sonate von Béla Bartók. Die Berührung, die diese Klänge bei ihm selbst und bei den Zuhörern auslösten, brachte das Konzert für einen Moment dem Punkt der tiefen Überzeugung nah, warum Musikmachen und Musikhören lebenswichtig sein kann. Für den ersten Teil des Konzerts war damit alles gesagt.

„Das Beste zum Schluss“ hätte sich Christian Thielemann am Sonnabend ruhig als Motto für seinen nun über sechs Jahre währenden und auf DVD dokumentierten Bruckner-Zyklus mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden geben können, und es war eben keineswegs die berühmte „Romantische“ Sinfonie oder die monumentale Achte, sondern ausgerechnet die 2. Sinfonie c-moll, mit der der Chefdirigent des Orchesters seine Sichten auf Bruckner beschloss. Und auch hier war die sorgfältige, fast liebevolle Hingabe des Dirigenten an das Werk Garant für eine Art Goldputz. Dabei war der Entscheid für die geschmeidige neue Carragan-Fassung schon erfolgversprechend, weil man hier nicht im für Bruckner typischen Steinbruch fremder Radierungen und Generalpausen hantiert, sondern der Formverlauf im Ganzen organisch und spannungsreich wirkt. Und so konnte man sich schon im ersten Satz über Thielemanns mit gutem Sinn für den richtigen Zeitfluss angelegte Steigerungen freuen, deren Energieschub immer wieder von den tiefen Streichern ausging, aber durch Vermeidung extremer Dramatik eben die Lyrik der Themen auch in die Höhepunkte mitnahm.

Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden

Der 2. Satz war von Thielemann vom Andante ins langsamere Adagio zurückgedeutet, das war aber plausibel, weil er hier genussvoll in die Themen hineinleuchtete und seine Kapellisten viel ausspielen ließ. Damit gelang ihm auch der Kniff, den einzigen Höhepunkt des Satzes zu einem weit schwingenden Kraftausdruck zu formen, der nur mit dieser Vorgeschichte seinen gewaltfrei-riesenhaften Charakter erhielt. Und schließlich war ab der Wiederholung des Scherzos auch eine Art Schalter umgelegt, der noch einmal für Homogenität in der Kommunikation der Orchesterabteilungen miteinander sorgte. Das war auch notwendig, da das etwas zerfasert komponierte Finale Zug und Willen bis zur letzten Note erfordert. Mit dem gesamten Zyklus und dieser hervorragenden Aufführung explizit bekannte sich Christian Thielemann in seiner engen Verbindung zu Bruckners Sinfonik, und die Staatskapelle adelte dies mit einem nicht nur folgsamen, sondern auch absolut klangschönen musikalischen Ergebnis, wovon sich die Zuhörer nun auch auf der folgenden Europa-Tournee des Orchesters in Wien, Baden-Baden, Frankfurt und Hamburg überzeugen können.

Fotos (c) Matthias Creutziger

Veröffentlicht in Rezensionen

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