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Fragen bei Schubert,
Showdown mit Liszt

Klavierabend von Khatia Buniatishvili im Kulturpalast Dresden

Es ist sympathisch, dass die Veranstalter der Klavier-Recital-Reihe „Pianissimo“ im Kulturpalast, deren drittes Konzert am Sonnabend stattfand, auf jegliches Brimborium modischer Events verzichten und die Künstlerinnen und Künstler ohne Umschweife zu Wort kommen lassen. Der offene Steinway auf der Bühne, das normal abgedunkelte Konzertlicht und die Akustik des Kulturpalastes – mehr braucht es nicht für ein konzentriertes Erlebnis. Das Rezital der 31-jährigen Georgierin Khatia Buniatishvili war von zwei Komponisten bestimmt, Franz Liszt und Franz Schubert. So verschiedenartig die beiden Biografien und Persönlichkeiten sind, so stimmig und mutig zugleich war die Auswahl, die Buniatishvili für diesen Abend getroffen hatte.

Während der erste Teil von Schuberts letzter Klaviersonate B-Dur ausgefüllt war, spielte sie im zweiten Teil drei Liedtranskriptionen Schuberts und zwei kürzere Originalwerke von Liszt. – Moment, einen Klavierabend mit der B-Dur-Sonate von Schubert beginnen? Richtig, und dies war ein anspruchsvoller Einstieg, der gleich einmal 50 Minuten dauerte, denn diese große Sonate blättert ganze Lebenswelten, Stimmungen und innere Dramen in vier sehr unterschiedlichen, den jeweiligen Interpreten in der Gestaltung stark fordernden Sätzen auf.

Scheitern muss damit, wer diesen 1828 geschriebenen Schwanengesang als solches zu theatralisch vor sich herträgt, doch das war nicht in Buniatishvilis Sinn. Im ersten Satz fiel auf, dass die Pianistin die wenigen forte-Stellen meist im Tempo und in der Gestaltung leicht verwischte und damit eher unwichtig hinüberspielte, hingegen auf die Ausmalung der Schubertschen Leise-Welt höchsten Wert legte. Im zweiten Satz balancierte Buniatishvili den Fluss der Melodie auf einem sehr langsamen Tempogrund entlang, damit entstand eine Art flächiger Stillstand – eine mutige, gute Herangehensweise der Pianistin, was leider aufgrund des in Gaze gepackten Klangbildes nicht durchweg zu tragen vermochte.

Das Scherzo nahm Bunitatishvili hingegen sehr schnell, und ihre messerscharfen Akzente im Trio verliehen dem Satz eine Unwucht anstelle einer Leichtigkeit. Diese wiederum maß Buniatishvili dem 4. Satz zwar zu, aber die Sorglosigkeit bekam man nicht mehr  in den Gesamtzusammenhang eingeordnet, und leider erschlug sie die Sonate in den letzten Kehraus-Takten auch mehr, als dass sie ein wirkliches Ende dieses Meisterwerks formulierte. Eine Interpretation also, die zwar wunderbare Einzelmomente hatte, aber zugleich einiges an Fragen auftürmte. Vor allem blieb offen, was die Pianistin wirklich mit dieser Sonate erzählen wollte.

Dabei präsentierte sie im zweiten Konzertteil eigentlich einen Schlüssel dazu, nämlich den schlichten Gesang, das Liedhaft-Lyrische, und die Lisztschen Bearbeitungen von „Ständchen“ und „Gretchen am Spinnrade“ gelangen ihr außerordentlich gut. Dass es mit einer etwas wackeligen Einleitung mit dem „Erlkönig“ danach zu einem regelrechten Liszt-Showdown mit „Mazeppa“ und der 6. Ungarischen Rhapsodie kam, freute das Publikum zwar, aber selbst diese beiden offenherzig donnernden Piècen sind sicher differenzierter vorstellbar. Vor allem irritierte Buniatishvilis ein ums andere Mal mit einem metallisch wirkenden forte, das als gewalttätig beim Ohr ankam und wie gegen eine imaginäre Wand anrannte, anstelle sich frei zu entfalten. Buniatishvili durfte sich am Ende über stehende Ovationen des Publikums in Dresden freuen und gab zwei Encores: noch einmal flogen die Finger bei Liszt, bevor das von ihr ruhig und weich in der Stimmung eingefangene Mondlicht von Debussy den Abend beendete.

  • Die CD „Schubert“ von Khatia Buniatishvili erscheint am 22. März bei Sony Classical (Titelbild: CD-Cover, Ausschnitt)

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