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Halbzeit im Beethoven-Zyklus

Beethoven-Sinfonien mit Christian Thielemann und der Staatskapelle Dresden

Halbzeit im Beethoven-Zyklus der Sächsischen Staatskapelle! Da Chefdirigent Christian Thielemann bereits im Dezember mit den ersten drei Sinfonien vorfristig gestartet ist, folgt nun nach den beiden mittleren Sinfonien bis zur nächsten Saison eine Generalpause – ein vom Komponisten selbst gerne genutztes Element, das, an markanter Stelle platziert, allerdings weit weniger zum Luftholen taugt als vielmehr die atemlose Spannung noch erhöht. Dass der Lippenableser am Ende der 5. Sinfonie c-Moll bei Christian Thielemann ein „Und das am Sonntagmorgen!“ ausmachte, während er die Bravo-Rufe aus dem Rund der Semperoper entgegennahm, dürfte vor allem mit dem emotionalen Rausch des letzten Satzes zusammenhängen, in den der Komponist Dirigenten und Musiker gnadenlos hineinwirft. Und das wirkt immer noch. Und wieder und wieder. Und damit dürfte auch hinreichend erklärt sein, warum auch und gerade zum 250. Geburtstag seine Musik mehr denn je gespielt werden sollte.

Wenn das mit einer solchen Ernsthaftigkeit und diesem in acht Jahren zwischen Thielemann und der Kapelle gewachsenen Vertrauen geschieht, dann erübrigt sich auch die Frage, was denn eine Sinfonieaufführung noch Neues bringen soll. Die Antwort kann nur lauten, dass jede von allen tief empfundene und auf der Stuhlkante mit bestem Können und Wissen musizierte Aufführung ein weiteres Eindringen in die Musik ermöglicht, und sei es auf einem Niveau des Diskurses mit dem Komponisten oder den Interpreten, der weitere Fragen eröffnet. Denn – das war auch am Sonntagmorgen zu merken, es ist niemandem damit geholfen, eine ohnehin unmögliche musikalische Perfektion zu erreichen.

Die Intensität der Aufführung der beiden Sinfonien ließ das Auditorium jubeln, und diese war in beiden Sinfonien in allen Sätzen zu spüren, und zwar sowohl im großen Bogen eines Satzes, wofür exemplarisch der erste Satz der 5. Sinfonie c-Moll steht, der von Thielemann wie ein einziges Ausrufezeichen, ein granitartiger Block formuliert wurde, wie auch in kleinsten Details, wie etwa im unglaublich schön musizierten Adagio der 4. Sinfonie B-Dur, wo eine nur auf den ersten Blick unscheinbare Klarinettenlinie (Robert Oberaigner) zur Sprachrede und damit zum Zentrum der ganzen Wärme dieser Sinfonie geriet. Die Modellierung dieser Linien war schon im 1. Satz auffällig: Thielemann legte immer wieder eine Betonung auf die Entwicklungen, Überraschungen und motivischen Seitenblicke, die Beethoven anwendet – ein sinfonischer Kosmos, der immer so viel Freiraum bietet, dass die eigene Betrachtung absolut zählt.

Thielemanns Zugang orientierte sich an den Schönheiten etwa eines kompakten Bläserkommentares ebenso wie an den verborgenen und offensichtlichen Abgründen der beiden Sinfonien, und besonders in langsamen Sätzen gönnte er den Zuhörern eine brennglasartige Sicht auf die Dinge, die auch eine freie Tempohandhabung einschloss. In den schnellen, auch rigoros komponierten Sätzen der Fünften hingegen gab er sich auch der Kompromisslosigkeit der Musik hin: das vielzitierte Schicksal blieb bei Thielemann unbedingt eine musikalische Sache, mit dessen Dreitonmotiv er im dritten Satz nahezu um die Häuser schlich, bevor er in der Überhitzung des Finales eine Dur-Atmosphäre erzeugte, der man nicht wirklich trauen wollte.

Damit übernahm Beethoven sozusagen selbst das Kommando, und das durfte zu Beginn des Finales nach der kongenial musizierten Überleitung aus dem dritten Satz auch mal zu einer kurzen unsortierten Aufstellung der Pferde vor dem eigentlichen und in der Partitur so angelegten Durchgehen derselben führen. Doch die eigentliche Botschaft dieser Aufführung lag in der von Thielemann und der sehr homogen spielenden Staatskapelle wirklich immer wieder ans Tageslicht beförderten Sprachlichkeit der Musik, deren oft beschworene „Durch-Nacht-zum-Licht“-Konzeption eigentlich nur ein blasses Fassadengerüst angesichts der in der Musik wirklich aufscheinenden existenziellen Aussagen, Rufe, Fragen und Gegenreden ist. Die Interpretation der beiden Sinfonien war voll davon, ohne dass ein übergriffiges „Das ist so“ beansprucht wurde. In dieser konsequent transportierten, unnachgiebigen Freiheitsbotschaft der Musik Beethovens lag die eigentliche Stärke der Aufführung.

Fotos (c) Matthias Creutziger

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Veröffentlicht in Dresden Rezensionen

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