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Rebellisches Weitersingen

Uraufführung von Paul-Heinz Dittrich bei den „Tonlagen“ Hellerau

Der Dichter Paul Celan (1920-1970) hat mit seiner Lyrik vielfach Komponisten inspiriert. Seine erschütternde „Todesfuge“ ist ein Teil der europäischen Erinnerung. Vertont hat sie der im letzten Jahr verstorbene Komponist Paul-Heinz Dittrich bereits 1998, erst jetzt wurde sie posthum bei den Tonlagen in Hellerau als digitales Konzert vom Ensemble AuditivVokal Dresden uraufgeführt.

 

Paul-Heinz Dittrich

Am 28. Dezember 2020 verstummte mit dem Komponisten Paul-Heinz Dittrich eine wichtige, spannende und auch überaus produktive Stimme zeitgenössischen Musikschaffens im Osten Deutschlands. Der 1930 im erzgebirgischen Gornsdorf geborene Dittrich war Schüler von Fidelio F. Finke und Rudolf Wagner-Régeny. Vor allem durch letzteren erhielt er Impulse, sich mit dodekaphonen wie seriellen Musikwelten zu befassen, suchte jedoch immer seinen eigenen Weg und formte nach und nach eine weiter suchende, nahezu in den Tönen oft grabende Klangsprache, der eine unwidersprechbare Kompromisslosigkeit innewohnt, die aber von großem Ernst in der Sache spricht und über das kompositorische Formen und Aussprechen erst ein Verstehen, ein Weitergehen eröffnet.

In den Werken Dittrichs, so etwa auch in der von der Philharmonie erst im Oktober 2020 aufgeführten „Kammermusik XVII“ ist diese starke innere musikalische Kraft immer spürbar, so auch in Dittrichs a cappella-Vokalwerk „Memento Mori – Todesfuge nach Paul Celan“, das am Sonntag bei den Tonlagen, den 30. Dresdner Tagen für zeitgenössische Musik im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau posthum uraufgeführt wurde. Das Stück für 32 Stimmen entstand bereits 1998, bislang hatte sich jedoch kein Ensemble an das außerordentlich schwere Werk herangetraut. In der Vergangenheit hat sich das Dresdner Vokalenensemble „AuditivVokal“ ja immer wieder mit den Vokalwerken ostdeutscher Komponisten der Vor- und Nachwende beschäftigt und dabei immense und überraschende Schätze etwa auch von Georg Katzer, Friedrich Schenker oder Friedrich Goldmann zu Tage gefördert.

Paul-Heinz Dittrichs Celan-Vertonung stellte dennoch das Ensemble vor große Herausforderungen, die pandemische Situation kam erschwerend hinzu. Trotzdem kann man sich glücklich schätzen, dass die Uraufführung im großen Saal im Festspielhaus Hellerau zumindest als Video-Konzert zustande gekommen ist. Mit großem Abstand standen die 32 Sängerinnen und Sänger dort, wo sonst das Publikum sitzt. Ein Instrument gibt es nicht, die Töne kommen aus der Luft oder von der Stimmgabel und formen sich manches Mal von jetzt auf gleich aus dem Nichts zu einem aufgesplitterten, manchmal noch in sich bewegten Cluster.

Olaf Katzer

Der Kraftakt der Konzentration war auch beim Zusehen und Zuhören spürbar, trotzdem waren die in dieser Größenordnung ja eher selten in Erscheinung tretenden „Auditiven“ geradezu prädestiniert für die Partitur, die vom solistischen Einwurf über die Klangmalerei bis hin zu großen Tonflächen durch alle Stimmen eine karge und düstere Landschaft zeichnet, die das Gedicht von Celan nicht bloß abbildet, sondern eher mit Tönen noch einmal durchdenkt. Man hat bei dieser Art Musik das Gefühl, als würde Dittrich eine Lesung gestalten, die aber nicht die Worte erzeugt, sondern eine weitere Ebene öffnet, die jegliche Illustration oder Theatralik vermeidet, die ohnehin bei dem Sujet einer (im Grundsinne ja fast unmöglichen, unsagbaren) Poesie mit oder über den Holocaust unangebracht ist.

Doch Dittrich versteigt sich in diesem Werk auch nicht in das bloße Erschrecken oder eine künstliche Distanz. Paul Celans Worte enthalten für ihn einen quasi aktivierenden Auftrag der Menschlichkeit, die etwa in leisen Wellenbewegungen der Frauenstimmen oder einem distanziertes Heraufgrollen der Bässe auszumachen sind. Anstelle eines inszenierten Kunstwerks spürt Dittrich den Gefühlen nach, die fast bei jeder Silbe, jedem Wiederholen hochkommen. Ein fast rebellisches Weitersingen über dem Gedicht ist da auszumachen, wo angesichts des Schreckens eigentlich der Atem stockt.

Das ist, in der überaus deutlichen, dem Wort nachspürenden Interpretation des Ensembles und in der auch vom Dirigentenpult aus Vertrauen stiftenden Mutmachung durch Olaf Katzer, tief bewegend und überdies treffend, weil Paul-Heinz Dittrich keine Note zuviel schreibt. Und dankbar ist man auch für kein Zuviel der visuellen Ebene – die Aufführung ist mit vollem Respekt ganz den Tönen gewidmet. Nach zwanzig Minuten verebbt das Stück plötzlich, es ist gesagt worden, was gesagt werden muss. Hoffentlich kommt es bald zu einer, zu vielen Wiederaufführungen.

  • Die Aufführung wird auf Deutschlandfunk Kultur voraussichtlich am 3. Oktober 2021 ausgestrahlt.
  • Tonlagen – 30. Dresdner Tage für zeitgenössische Musik findet noch bis 2.5.2021 online statt.

Fotos (c) Klaus Gigga (4), Paul-Heinz Dittrich privat (1)


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Veröffentlicht in Rezensionen

Ein Kommentar

  1. Gilbert Furian Gilbert Furian

    Bravo, Rezensent, bravo, AuditivVokal, bravo, Paul-Heinz Dittrich – ein sehr angetaner Zuhörer und Zuschauer

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