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Konzertwoche in Wien – Schönberg und Xenakis

Meine vorige Woche in Wien fiel kulturmäßig wegen anderer Termine etwas eingeschränkt aus, wobei ich geneigt bin, in Wien einen Kaffeehausbesuch oder einen Beislabend selbstverständlich als gleichrangiges Kulturereignis einzustufen, nur weiß ich nicht, ob meine Leser:innen das Auftreiben einer guten Melange (dafür kann ich 1000things.at wärmstens empfehlen) mehr interessiert als eine Konzertrezension – ich werde es mir überlegen, schließlich ist die Wahl einer neuen Stadt auch mit neuen Erkenntnissen und Eindrücken verbunden, die irgendwo ja ihren Niederschlag finden sollen.

So auch etwa die Entdeckung von interessanten Konzertorten – selbst und gerade in Wien kann man außer Musikverein und Konzerthaus eine Menge von Locations finden, an dem Klassisches ebenso Freude bereitet wie experimentelle Musik. Zwei davon durfte ich letzte Woche besuchen und sie sind in ihrem Charakter völlig gegensätzlich, die präsentierten Werke waren aber dort gut aufgehoben.

Da ist zum einen das Jugendstiltheater Steinhof im weitläufigen Areal des Otto-Wagner-Spitals (nun Klinik Penzing) im 14. Bezirk, das seit 10 Jahren leersteht und für eine Produktion der Mitte Mai gestarteten Wiener Festwochen wiedererweckt wurde. Unter dem Titel „Friede auf Erden“ realisierte die bildende Künstlerin Ulla von Brandenburg eine halb szenische Darstellung von einigen Chorwerken von Arnold Schönberg, wobei die Auswahl auf die wohl wichtigsten und geschlossensten Werke fiel, und natürlich auch auf die Möglichkeiten und Kräfte des ausführenden Chores geachtet werden musste. Die waren allerdings enorm, denn der Arnold Schönberg Chor unter Leitung von Erwin Ortner hatte keinerlei Beweismühen, seinem Namen gerecht zu werden. Einige Stücke gelangen sogar auswendig und das abschließende „Friede auf Erden“ (1907) wurde im Flanieren über den leeren Bühnenraum vorgetragen.

Gottlob nahm Ulla von Brandenburg die Stücke nicht visuell oder szenisch völlig auseinander, was der komplexen Musik nicht gerecht werden würde. Die Entscheidung für große Farbtücher, gepaart mit unterschiedlichen Aufführungskonstellationen und bunten Kostümen des Chores konnte die Konzentration auf das Hören bewahren, sie erreichte aber auch nicht mehr als eine hübsch-warme Gesamtstimmung, wozu vier Schauspieler:innen mit Schattenspielen oder Theaterzügen für die Farbwände noch stummes und einvernehmliches Spiel anboten. So ein freundlicher Schönberg! Zu dem überwältigt-sanglosen Ausdruck im Psalm 130 oder der spätromantischen Gewalt von Zeilen wie „Seit die Engel so geraten / O wie viele blutge Taten / hat der Streit auf wildem Pferde, der geharnischte, vollbracht!“ fallen mir allerdings deutlichere szenische Bilder ein als bloß orange wallende Tücher.

Spannend hingegen war nachzuvollziehen, wie Schönbergs vokalkompositorische Sprache immer neues Vokabular ergänzt und alte Formen auch in den Spätwerken noch bestehen bleiben. Und musikalisch war der Schönberg Chor absolut überzeugend – sprachliche Deutlichkeit überwog, und bei aller Hochkonzentration wurde auch ein guter Klang für den Raum gesucht, was am Ende von „Frieder auf Erden“ nicht mehr ganz zu dem riesigen D-Dur-Vollbad führte – diese Bitte verklang fast leise, dafür umso eindringlicher.

Klangtheater im Future Art Lab der mdw Wien

Der zweite Veranstaltungsort war dann am Sonnabend das erst vor zwei Jahren eröffnete Klangtheater im Future Art Lab der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. War bei Schönberg der schnörkellos-klare Jugendstilraum zur a-cappella-Klangentfaltung hervorragend geeignet, so war der Effekt für Iannis Xenakis elektroakustische Werke im Klangtheater ähnlich überzeugend, nur im Charakter ist natürlich der hochmoderne und technisch hervorragend ausgestattete Bau innerhalb der mdw völlig anders. Für die Präsentation der Stücke des griechischen Komponisten, der in diesem Jahr zu seinem 100. Geburtstag an der mdw auch mit einem Symposium gewürdigt wird, sitzt man in dem doppelschaligen, elektroakustischen Klangraum, in dem die Farbe Schwarz vorherrscht, im Kreis um Mischpult und Computer herum, und der einzige, allerdings wichtige Musikermensch im Raum ist der vorführende Tonregisseur.

Xenakis‘ elektroakustische Werke sind kaum bekannt, weil es eben auch möglichst eine solch adäquate Darstellung benötigt, ein Abspielen dieser Stücke zu Hause ist schon allein wegen der vielen Feinheiten, die schon in der Zweikanalwiedergabe aufzufinden sind, eher ungünstig. Die dreizehn Stücke wurden an der mdw auf drei Abende verteilt (die Wiener Festwochen planen ebenfalls noch eine Xenakis-Würdigung, sogar als Geburtstagsparty) und im Mittelpunkt des 3. Abends stand „Persepolis“, ein 54-minütiges Stück, das 1971 im Iran im Rahmen einer großen Multimedia-Performance im Auftrag des Schah open air uraufgeführt wurde.

„Persepolis“ wirkt wie ein riesiger Cargo-Frachter, der per Autopilot durch die Lüfte schwebt, wobei diese nicht „Luft“ sind, sondern eben lauter Wellen und Geräusche. Oder auch: eine Art synthetische Stadt, die Xenakis da achtkanalig aufgetürmt hat. Wer einen zumindest reduzierten Klangeindruck bekommen möchte, der kann bei skug.at in eine Aufnahme hineinhören. Ein Stück zum Abtauchen also – und das gelang mir eben angesichts des völlig auf das akustische Erlebnis reduzierten trockenen Raumes sehr gut. Hingegen waren die ersten beiden Stücke vor der Pause schwieriger zu rezipieren.

Noch schwieriger scheint, über diese Stücke zu schreiben, denn der algorithmisch-stochastische Ansatz müßte eigentlich auch ein neues Hören erforderlich machen, und ich bin mir nicht sicher, ob Menschen darüber überhaupt verfügen beziehungsweise sich dieses Hören verfügbar machen wollen (was Anstrengung bedeutet, im heutigen oberflächlichen Konzertbetrieb daher untauglich). Stattdessen liegen mir blogtaugliche Sätze wie „ich war verloren im Stück“ für Gendy3 (1991) auf der Zunge, schlimmer noch: bei Tauriphanie (1987) hatte ich den Eindruck, Bruckners Vierzehnter zu lauschen. Das allerdings wäre auch nicht scherzhaft gemeint, sondern mit allem Respekt vor beider Komponisten musikarchitektonischer Leistungen.

Zwei intensive Features zweier Größen des 20. Jahrhunderts in einer Woche, da brauchte es auch kaum mehr Konzerte (dabei habe ich sogar „die heißeste Aktie des Klassikmarktes“ ausgelassen…). Allerdings zeichnet sich Wien in beginnendem Frühsommer auch dadurch aus, dass man etliche Dinge verpasst hat, wenn man gerade erst von ihnen liest: die Fülle dieser Kulturstadt ist gerade für einen neu Ankommenden in guter Weise (über)fordernd.

Fotos (c) Alexander Keuk (2), Nurith Wagner-Strauss/Wiener Festwochen (1)

 

 


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