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Herbe Enttäuschung

Heinrich Schiff und Stefan Vladar in der Semperoper

Er zählt zu den bedeutendsten Cellisten der Gegenwart, prägend für eine ganze Generation von Musikern und es dürfte kaum einen Klassikfreund geben, der ihn nicht schon einmal live oder auf Tonträgern gehört hat. So zählte das Cellorecital von Heinrich Schiff in der Semperoper bereits im Voraus zu den Höhepunkten der Musikfestspiele – allein die Einlösung dieses Anspruches gelang nicht, im Gegenteil, das Konzert dürfte für Inhaber manch teurer Karten ein Ärgernis gewesen sein. Das lag weniger an Heinrich Schiff alleine, der zumindest in einigen Werken seine Klasse zeigte, als vielmehr an seinem Partner am Klavier, Stefan Vladar. Unerklärlich ist mir dennoch, wieso Schiff mit einem Pianisten zusammenarbeitet, der den Gedanken eines kammermusikalischen Duo-Abends nicht mit Leben erfüllt. Vladar zeichnete sich durch eine reichlich unmusikalisch zu nennende Demut am Flügel aus, die die pianistische Gestaltung völlig zunichte machte, was für Stücke von Schumann und Brahms, in welchem der Klavierpart wichtiger Motor der Struktur ist, den Tod bedeutet. Den 3. Satz der „Fantasiestücke“ von Schumann gestaltete Schiff sehr impulsiv, Vladar war da schon nicht mehr zu hören, untergetaucht trotz eines Notensatzes, der eigentlich das Gegenteil anweist. Das nahezu am besten wirkende Werk des Konzertes war ausgerechnet die kurze Komposition „Grave – Metamorphosen für Cello und Klavier“ von Witold Lutoslawski, deren klare Strukturen zumindest eine eindeutige Interpretation hinterließen. Statt der Sonate des Finnen Olli Mustonen erklang die Cellosonate von Claude Debussy, die weder in der Themengestaltung noch klanglich überzeugen konnte – beide Musiker waren hier zu sehr detailverliebt, verloren den Zusammenhang und waren außerdem selten zusammen auf einem Punkt. Jean Sibelius‘ „Malincolia“ geriet unter dem packenden, stellenweise auch etwas groben Zugriff von Schiff zu einer dramatischen Erzählung, doch auch hier fehlte beiden Musikern der wirkliche Zugang zur Musik, die eine überzeugende Interpretation ausmacht. Kühl und abgearbeitet wirkte der Notensatz, von Vladar war kaum einmal ein interessanter Akzent zu hören. In der 1. Sonate e-Moll von Johannes Brahms überzeugte dann Heinrich Schiff mit markanter Ausgestaltung der drei Sätze. Ein großer Ton, eine selbstverständliche, überlegte Gestaltung und Schiffs absolutes Versenken in die Melodielinien war durchaus überzeugend. Doch das letzte Herzblut für diese leidenschaftliche Musik fehlte angesichts eines Pianisten, der jede noch so kleine Steigerung im Keim erstickt, die Partitur missversteht und sich dermaßen einem Solisten unterordnet, dass die Kompositionen und ihre Strukturen nicht mehr erkennbar sind. Was ein Höhepunkt werden sollte, geriet zu einer herben Enttäuschung und Schiff ist anzuraten, sich zukünftig gute musikalische Partner zu suchen.

Veröffentlicht in Rezensionen

2 Kommentare

  1. Ich bin betrübt, dies zu lesen. Ich habe Stefan schon lange nicht mehr gesehen, vielleicht über zehn Jahre. Ich bezweifle nicht, dass in diesen zehn Jahren viel passiert sein kann. Vielleicht war es auch nur eine sehr schlechte Tagesform. Doch wenn ich die Beschreibung lese, erkenne ich nicht darin.
    Ich bezweifle allerdings nicht, dass Du objektiv beobachtet hast. Dass man sich bei der e-moll-Sonate als Pianist unterordnen kann, ist allerdings schon eine Leistung an sich. Dazu schreibt Brahms viel zu klavierorientiert. ich hab das einmal gespielt -nur privat natürlich – weil mich eine Hobbycellisting gebeten hat. Sie hat das auch ganz gut rübergebracht, hat aber auch nicht erwarten können, dass ich mich unterordne:)
    Heute war ich übrigens bei einer Orchesterprobe der 2. Schmidt. Luisi und Wr. Symphoniker. Diese Zeit habe ich mir genommen. Eine Karte habe ich für Freitag. Originalzitat Luisi: „Kapelle ist großartig, die Leute haben ganz tolle Disziplin.“ Das war ein kleiner Seitenhieb auf den Symphoniker, der gefragt hatte. Allerdings hat dann gleich eine erste Geigerin eingehakt: „Ja, wir sollten mehr Disziplin haben, wir werden zu gemütlich.“
    Ich habe Luisi dann noch zum Bläserklang befragt. Er sagte, dass die Dresdner absolut kein Vibrato spielen. Bis heute wusste ich nicht, dass die Bläser überhaupt ein Vibrato haben.

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