Springe zum Inhalt →

Monument der Anklage

Gedenkkonzert der Dresdner Philharmonie mit Dmitri Schostakowitschs 13. Sinfonie „Babi Jar“

Sich zum Dresdner Gedenktag in einem Sinfoniekonzert dem Werk Dmitri Schostakowitschs zuzuwenden, erscheint absolut passend, da der Komponist nicht nur selbst Repressalien in der Sowjetunion ausgesetzt war, sondern immer wieder auch Leid und Ungerechtigkeit in einer Größe thematisiert hat, die in grenzüberschreitendem Denken jeden angeht, und das Verb ist wörtlich gemeint. Entzug ist da meist von den ersten Takten an unmöglich und die epische Breite der Sinfonien von Schostakowitsch läßt nicht nur Versenkung und Gedenken zu, sondern entfaltet auch weitere Gedankenlinien des Humanismus, führt uns über die in Tönen erzählte Geschichte ins Heute zurück – und plötzlich sind wir aufgerufen, uns dieser Musik gegenüberzustellen. Denn Schostakowitsch fragt explizit nach den Emotionen und Haltungen seiner Zuhörer, mit der solipsistischen Bewältigung eines Künstlerschicksales ist es bei seiner Musik nicht getan. Die direkte Ansprache, der Stachel in den Noten hat vermutlich auch Michael Sanderling bewogen, nach den großartigen Aufführungen der 7., 8. und 11. Sinfonie zum gleichen Anlass – so unterschiedlich diese Sinfonien auch sind – nun die 13. Sinfonie zum Dresdner Gedenktag am 13. Februar zu programmieren.

Am vergangenen Sonntag fand bereits eine Voraufführung im ausverkauften Dresdner Kulturpalast statt, die tief bewegend war und ein monumentales, gewichtiges Werk des russischen Komponisten neu und für viele sicher auch zum ersten mal live entstehen ließ – denn das großbesetzte Werk wird heutzutage nur noch selten aufgeführt. Mit der 13. Sinfonie aus dem Jahr 1962 beginnt eine Phase des Spätwerks, in der sich Schostakowitsch stark der Lyrik zuwendet und komponierte Poesie neue Ausdrucksebenen eröffnet. Der erst im letzten Jahr verstorbene Dichter Jewgeni Jewtuschenko verfasste mit seinem Gedicht „Babi Jar“ eine in seiner Sprache unmittelbar treffende, politisch eindeutige und doch vielschichtig mahnende Anklage. „Es steht kein Denkmal über Babi Jar“, so die erste Zeile – die namensgebende Schlucht nahe Kiew war 1941 Schauplatz eines grausamen Verbrechens, bei dem mehr als 33.000 Juden umkamen. Kann da Musik sein? Schostakowitsch komponierte dieses Monument, Mahnmal und Requiem mit einer ziemlichen Wut und Wucht, zu einem Bass-Solo tritt ein Männerchor hinzu: „Was hier geschah, ich kann es nie vergessen!“. Die Uraufführung in der Sowjetunion Chruschtschows (hier ein Foto mit Jewtuschenko, Schostakowitsch und dem uraufführenden Dirigenten Kyrill Kondraschin) fand mit Problemen statt, Dirigenten und Solisten sagten kurzfristig ab, und das Werk geriet sogleich in die Zensur und durfte in der Originalfassung nicht mehr aufgeführt werden. Freiheit Fehlanzeige.

Dabei hatten Schostakowitsch und Jewtuschenko über die Anklage des 1. Satzes hinaus noch viel mehr zu sagen und Michael Sanderling und die Dresdner Philharmoniker gestalteten aus den fünf Sätzen der Sinfonie eine Kantate, ein lyrisches Gemälde, das durchaus auch widersprüchlich wirken durfte, aber vor allem in seinem vehementen Ausdruckswillen außerordentlich bewegte. Da war die beißende Satire, der Spott im scherzoartigen „Der Witz“, oder die Hommage an die russischen Frauen im Gedicht „Der Laden“ ebenso gut getroffen wie der sich fast aus dem Werk stehlende Celesta-Ausklang der „Karriere“ im letzten Satz. Die gesamte Sinfonie war von Sanderling nicht nur in der Gesamtspannung an den richtigen Stellen gepackt und somit zu extremen Höhepunkten geführt, sondern auch in allen Instrumentalgruppen, vom Tuba-Solo bis hin zu den sensibel eingesetzten Glocken, in ihrem speziellen Kolorit erfasst. Mikhail Petrenko verlieh der Bass-Partie eine starke Gestaltung und konnte mit seiner großen, doch variablen Bassstimme alle Farben zwischen Grauen, Angst und spöttischem Bonmot ausfüllen. Der Estnische Nationale Männerchor RAM (Einstudierung Mikk Üleoja) überzeugte mal als resümierendes Dichter-Echo, mal als furchteinflößende Volksmenge, immer aber homogen und mit immensem Tonvolumen.

Schön, dass der erste Teil des Konzertes für den Chor reserviert war, der hier unter Üleojas Leitung weitere Möglichkeiten eines Innehaltens und Gedenkens offerierte: Arvo Pärts „De Profundis“ ermöglichte ein einleitendes Ankommen im Konzert, James MacMillans Motette „…here in hiding…“ stand mit seinem Fronleichnamstext wohl am wenigsten in Verbindung zu den anderen Werken, konnte aber auch als kontemplativer Beitrag verstanden werden. Schließlich wirkte das ebenso wie die beiden anderen Werke absolut hervorragend interpretierte Hebbelsche Requiem in den Tönen von Max Reger wie ein merkwürdig fremdes Fenster zu einer längst vergangenen Welt und Weltdeutung.

  • Die 13. Sinfonie wurde aufgenommen und wird Teil der Schostakowitsch-Gesamteinspielung der Dresdner Philharmonie sein. Ein Snippet der Aufnahmesession zeigte der Bass-Solist Mikhail Petrenko auf seinem Instagram-Account.
  • Porträt des Dichters (russisch)

Veröffentlicht in Rezensionen

Kommentaren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.