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Bernd Alois Zimmermann – 100. Geburtstag

Einen Text über einen herausragenden Komponisten mit „Leider“ anzufangen, ist keine schöne Sache. Noch nicht wirklich erkennt man im Kulturleben des Landes, dass eine der wichtigsten kompositorischen Stimmen des 20. Jahrhunderts – sehr wahrscheinlich eine wegweisende und zeit-spiegelnde, unbedingt eine einzigartige – nämlich die von Bernd Alois Zimmermann, zum 100. Geburtstag am 20. März ausreichend gewürdigt wird. Immerhin gibt es mit der Nürnberger „Soldaten“-Inszenierung einen erwartungsvollen Auftakt zum hoffentlich noch spannenden Zimmermann-Jahr

Zumindest eine Linkliste, ein medialer Notizzettel soll hier darauf hinweisen, wo die Musik dieses großartigen Komponisten in nächster Zeit erlebbar oder hörbar ist – weitere Hinweise und Aufführungstermine ergänze ich gerne!

Der WDR widmet sich in einem einstündigen Kulturfeature am 17. März, 12.04 Uhr dem Komponisten, nach WDR3 ist auch WDR5 mit einem Zeitzeichen von Holger Noltze dabei und im Samstagsgespräch mit dem Komponisten Hans Zender steht Zimmermann ebenfalls im Mittelpunkt. Der RBB sendet ab 19. März eine fünfteilige Reihe über Bernd Alois Zimmermann und sendet am 23. März den Mitschnitt der Kölner Uraufführungsproduktion der „Soldaten“ von 1965. Schon am 20. März überträgt BR Klassik die zweite Aufführung der Neuproduktion des Nürnberger Staatstheaters live.

Zimmermanns einzige Oper und Hauptwerk „Die Soldaten“ erklingt – nach meinen Informationen – in Europa nur drei Mal in diesem Jahr, nämlich am kommenden Wochenende als Neuproduktion am Staatstheater Nürnberg (ML: Markus Bosch, I: Peter Konwitschny, mit Susanne Elmark, Tillmann Rönnebeck, Jochen Kupfer u. a. – Termine: 12/17/20/25.3. und 8/4/23.4.), am Teatro Real in Madrid (ML: Pablo Heras-Casado, I: Calixto Bieito, mit Susanne Elmark, Steven Humes, Leigh Melrose u. a. – Termine: 16/19/22/24/28/31.5. und 3.6.) und an der Oper Köln (ML: Francois-Xavier Roth, I: Carlus Padrissa (Fura Dels Baus), mit Emily Hindrichs, Frank van Hove, Nikolay Borchev u. a. – Termine: 29.4./3/11/13/17/20.5. Natürlich ist die Oper nicht für jedes Haus stemmbar, aber schade ist es schon, dass auch Inszenierungen vergangener Jahre zumeist eingemottet sind und nicht wieder aufgenommen werden, was insbesondere für Dresden, München oder Berlin gilt, im günstigsten Fall bleiben einem DVDs oder persönliche Erinnerungen…

Wer dann „Zimmermann satt“ genießen möchte, sollte sich am besten in Köln einquartieren – das ACHT BRÜCKEN Festival, das mit den Kölner „Soldaten“ beginnt, hat bis zum 11. Mai einen großen Zimmemann-Schwerpunkt, bei dem nicht nur die bekannteren Werke zur Aufführung kommen, sondern auch Radiomusiken, Filme und noch einiges mehr, die Auswahl fällt bei dem umfangreichen Programm schwer.

Absolut empfehlenswert sowohl für Menschen, die die Persönlichkeit Bernd Alois Zimmermann kennenlernen wollen, als auch für die, die in zeitgenössischer Musik unterwegs sind – aber vermutlich „kennen“ auch hier die wenigsten Zimmermann wirklich – ist eine Neuerscheinung aus dem Wolke Verlag: „Bernd Alois Zimmermann – con tutta forza“ – der Titel nimmt auf eine Spielanweisung in der Partitur der „Soldaten“ Bezug, steht aber auch für die Kraft des Musikalischen in Zimmermanns Leben – ist ein beeindruckendes Dokument, geschrieben und herausgegeben von der Tochter Bettina Zimmermann. Das Buch ist mit „ein persönliches Porträt“ untertitelt, und man kann sich wunderbar darin verlieren, weil es so gar nichts zu tun hat mit einer altbacken-chronologischen Monografie. Fotos aus dem Familienalbum – die stattliche Anzahl von 350 Fotos läßt über Zimmermann hinaus eine Musik-Zeit-Geschichte des 20. Jahrhunderts vor dem Betrachterauge entstehen – wechseln sich ab mit Partiturseiten, Notizen und Briefen, persönliche Schilderungen der Familie ergänzen sich mit musikwissenschaftlichen Kurzessays und Betrachtungen von Freunden, Komponistenkollegen und Schülern zu einem Kompendium, das es in dieser Form über den Komponisten noch nicht gab. Überhaupt haben sich bisher nur wenige an Mensch und Werk herangetraut, und es ist durchaus nicht selbstverständlich, dass die Schwierigkeiten, Krisen und Widerstände, die mit Zimmermanns Musik oder seiner Person als Lehrer, Gesprächspartner oder beharrlich für die Kunst kämpfender Briefeschreiber entgegentraten, hier erhellend klar dokumentiert sind. Das wohl größte Verdienst dieses Buches ist seine freundliche Lebendigkeit in Verbindung mit der Aufrichtigkeit der Annäherung – vielleicht kommt es so der Persönlichkeit Zimmermann am nächsten und man hat sofort Lust, wieder tiefer in seine Musik einzusteigen.

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Fotos (c) Wolke Verlag

 

Veröffentlicht in Features Rezensionen

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