Kurzkritik: Agnes Obel spielt ein Konzert im Gewandhaus Leipzig
Es war eine längere Weile still um die dänische Singer-Songwriterin Agnes Obel, die bereits 2010 mit ihrem Debutalbum „Philharmonics“ einen großen Erfolg landete und eine Fangemeinde um sich scharte. Ihre besondere Art eines melancholischen, melodieseligen Voicepop in Verbindung mit ihrer wirklich angenehm zu hörenden Stimme ließ aufhorchen. Obel komponiert ihre Stücke selbst, ihre Text sind poetisch, und meist entstehen so Klanglandschaften, musikalische Kleinode, die kommen und vergehen und oft das Hinhören fordern.
Nach ihrem vierten Album Myopia im Jahr 2020 entstand eine längere Pause – sie widmete sich ihrer Familie, ihre Tochter wurde 2021 geboren. Die Musik war indes offenbar nie verschwunden, das zeigt die Fülle der neuen Songs, die sie nun bei einer Tour präsentierte, die sie am 19. August ins Gewandhaus nach Leipzig führte. Die Künstlerin, die in Berlin lebt, veröffentlicht am 18. September ihr neues Album „The Meaning of Flowers“ und nutzte die Tour, um einen Teil der neuen Songs vorzustellen und live auszuprobieren – in einem absolut exzellent besetzten Quartett mit Tasteninstrumenten (Hinako Omori), Schlagwerk (Julian Sartorius) und Cello (Marie-Claire Schlameus). Obel selbst sang am Klavier und Synthesizer, verschmolz meistens mit den beiden anderen weiblichen Stimmen im Terzett.
Viel hat sich nicht verändert seit Philharmonics, Obel ist Obel geblieben, und ihre Kreativität ist gleichzeitig als konsequent zu bezeichnen, denn sie biedert sich nicht an. In Obels Welt steht die Zeit ein wenig, vielleicht ist sie ein Zufluchtsort, den man hörend betreten kann und der es nicht nötig hat, mit irgendwelchen Hypes oder Trends zu gehen.
So schön dieses Eintauchen in den Obelschen Klangwald war, es barg ein wenig die Gefahr des Verlierens und Verirrens. Kaum ein Song blieb im Gedächtnis haften, was kein Qualitätskriterium sein muss, denn offenbar sind die Verschlingungen der eher horizontal gedachten Songs, die sich am Ende auch in reichlichen Wiederholungen ergehen, gar nicht dafür gedacht, sondern prägen ein Erlebnis des Mittendrinseins, in dem es kein Vorher oder Nachher gibt.
Auf diese Klangerfahrung reagierte auch das Leipziger Publikum sensibel, fast zurückhaltend, erst bei einigen bekannteren Songs aus früheren Alben kam aus den Rängen eine enthusiastischere Reaktion. Dass ein Obel-Konzert eine Begegnung der intimeren Art ist, darauf muss man sich einlassen, wird aber durch eine fast magische Klangatmosphäre belohnt, unterstützt von sanften Electronics und dem stets anwesenden weichen Celloklang. Dazu kommen Videoprojektionen, die sich anfühlen, als gehörten sie ohnehin zum Album und Gesamterlebnis dazu – für Obel, die auch für den Film komponierte, ein wichtiges Element ihrer Arbeit.
Insgesamt erscheint „The Meaning of Flowers“ deutlich heller und freundlicher als „Aventine“ und „Philharmonics“, sicher ist die Widmung an ihre kleine Tochter auch im einen oder anderen Lied in der Stimmung, im Ausdruck präsent – ein neues Leben erfordert neues Licht.
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