Kurzkritik: Mahlers 6. Sinfonie bei der Staatskapelle Dresden
Festlicher Saisonbeginn mit wunderschönen Klängen? Nicht mit uns, sagte sich in diesem Jahr die Sächsische Staatskapelle Dresden und setzte Gustav Mahlers 6. Sinfonie a-Moll auf das Programm. Ja, man kann auch mal alles kurz und klein schlagen, den heftigsten aller Wutausbrüche hinlegen und dabei noch hämisch-chromatisch herumlachen. Und vielleicht war es auch noch der beste Saisonbeginn ever, denn kaum eine Sinfonie passt besser in unsere Welt, in der man eigentlich die ganze Zeit nur noch fragen möchte, ob eigentlich alle verrückt geworden sind. Der Ausdruck vom schmerzerfüllten Gesichtverziehen bis hin zur nach Rache geifernden Fratze ist nur ein Promille des Repertoires, das Mahler in seiner dystopischen Achterbahn der Sechsten aufmacht. Ich rede bewusst nicht von einer Geisterbahn, denn dafür ist Chefdirigent Daniele Gattis Zugriff viel zu irdisch und real – genau das ist es aber, was diese Interpretation wüst und absolut zeitgenössisch macht.
Ein Mahler des 21. Jahrhunderts tönt da. Der will nicht in den Abgrund (wie seinerzeit Sir Simon Rattle bei seinem Musikfestspiel-Gastspiel mit den Berlinern), der winkt bereits von unten. Da ist kein Stein mehr auf dem anderen, und höchstens in den Mittelsätzen und in einigen Dur-Aufblitzungen in den Ecksätzen kommt so etwas wie Lebens-Leidenschaft auf, die meist von der nächsten Paukentirade erschlagen wird. Gatti weiß das, er weiß darum und er weiß vor allem, wie er das mit seiner Hundertschaft vor sich umsetzen kann. Von Satz zu Satz wird diese Aufführung zwingender, unentrinnbarer und in den Tempi immer klarer, die Gatti wohlweislich eher im unteren Bereich ansetzt, und zwar genau da, wo in dieser Sinfonie ein „Ausspielen“ schon fast grausige Zusammenklänge und Mischungen erzeugt.
Wenn noch jemand behauptet, Mahler sei ja viel zu naiv und traditionell unterwegs, er wird spätestens hier eines Besseren belehrt. Was der Komponist allein mit den Harfen in diesem Stück anstellt, ganz zu schweigen von den überhaupt hier viel zu tief fallenden Bläserregistern und miteinander verschlungenen Nebenstimmen in einem sich permanent umwälzenden Tutti-Geflecht, arbeitet Gatti wie ein Steinmetz heraus. Mit dem Ergebnis, dass zu Beginn des 4. Satzes eine Menge Geröll herumliegt: die Motive werden von Mahler gar nicht mehr zu Ende gebracht, Versatzstücke liegen wie in einer dampfenden Mondlandschaft unpassend nebeneinander. Die Sinfonie zeigt eigentlich nichts, sie stellt hin und in diesem Nachvollzug durch Gatti und das Orchester, entsteht das eigentliche Grausen, das auch die beiden Hammerschläge nicht mehr inszenieren muss, sondern wie selbstverständlich in diesen Fiebertraum einbezieht. Klingenschneidend scharf bricht der letzte Tuttischlag noch einmal heraus, bevor dieses immer noch überaus anstrengend zu spielende wie zu hörende Stück in sich zusammenfällt. Dass es zu Beginn auch mal leichte Balanceprobleme gab, ist angesichts der felsenartigen Fresken, in der eben kein Stein wie der andere aussieht, in Ordnung. Die schönste Aufnahme dieses Werkes wäre ohnehin die falscheste.
- Daniele Gattis Mahler-Zyklus bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden wird im 2. Sinfoniekonzert sogleich fortgesetzt mit der 10. Sinfonie in der von Deryck Cooke vollendeten Fassung (18./19./20.10.)
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