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Ein unablässiger Strom

Allan Petterssons 7. Sinfonie erklingt in der Elbphilharmonie

Auf dem Spaziergang die Landungsbrücken entlang zur Elbphilharmonie möchte ich fast die Leute ansprechen, die mir entgegen kommen und sie einladen zu dem einmaligen Abend, der mir vermutlich bevorsteht – jedoch ist die Elbphilharmonie, die am 24. August vom Schleswig-Holstein Musik Festival bespielt wird, ist bereits ausverkauft. Offenbar wissen auch andere Konzertgänger:innen um die Besonderheit des Programms. Denn wann stand zuletzt eine Sinfonie von Allan Pettersson (1911-1980) auf dem Programm eines deutschen Konzerthauses? Und zugespitzt könnte man fragen: Wann hat sich ein deutsches Orchester überhaupt zuletzt an diese Musik gewagt?*
Der Musik des Schweden, der in seiner Heimat vor zwei Jahren in einem „Kulturkanon“ aufgenommen wurde steht und wohl deshalb nun zumindest in seinem Geburtsland etwas mehr aufgeführt wird, ist weder einfach zu spielen noch zu rezipieren. Und trotzdem kann man Ohren und Herz öffnen für das Besondere, das sich in dieser Musik zeigt. Im restlichen Europa tut man sich trotzdem schwer mit Pettersson – auch in England, wo derzeit mehrere skandinavische Dirigenten in Leitungspositionen wirken, tut sich nichts Neues.

Schon 2020 wollte das Schleswig Holstein Musik Festival Allan Pettersson aufführen – angesichts des langen Bestehens des Festivals möchte man sagen „endlich“, doch auch diese Hommage blieb dem Festival aus Pandemiegründen verwehrt. Sie wurde am 24.8. (in Lübeck) und am 25.8. (in Hamburg) nachgeholt, nicht ganz ohne Stolz, mit dem Gastspiel des Royal Stockholm Philharmonic Orchestra einen echten Höhepunkt präsentieren zu dürfen. Denn wer, wenn nicht die Stockholmer, kennen „ihren“ Pettersson am besten, der ja als Bratscher in diesem Orchester anfing und sich etwa ab Ende der 30er-Jahre nur noch auf das Komponieren konzentrierte. Dabei ist auch der Tournee-Beitrag pikant, denn eben dieses Orchester strich bei einer Amerika-Tournee im Jahr 1975 die 7. Sinfonie des Komponisten vom Programm, worauf dieser dem Orchester ein Aufführungsverbot seiner Werke erteilte, das – gottlob – nun nicht mehr besteht. Und nun konnte man den Musiker:innen auf dem Podium der Elbphilharmonie das ehrliche Engagement und auch die Vertrautheit mit der Musik ansehen.

Das Royal Stockholm Philharmonic Orchestra in der Elbphilharmonie Hamburg Foto (c) Antonia Krödel

Den Konzerten in Deutschland gingen bereits im Januar und Februar Aufführungen der 7. und 8. Sinfonie in Stockholm voraus – letztere unter Leitung von Christian Lindberg, der in den letzten Jahren mit einer Gesamtaufführung der Sinfonien sowie CD-Einspielung mit dem Sinfonieorchester in Norrköping zumindest in Schweden Geschichte schrieb.

Doch zurück zum Konzert – gespannt war man vor allem auf die Interpretation, denn zumindest die 7. Sinfonie hat eine reiche Aufführungshistorie, weil man sie als zugängliches und eindrückliches Werk identifiziert und damit die erste Begegnung mit Petterssons Musiksprache erleichtern mag. Dabei entfaltet sich diese Eindrücklichkeit in einer Aufführung durchaus nicht von selbst, sondern muss sorgfältig erarbeitet werden. Da konnte man auch schon größere und kleinere Desaster in der Vergangenheit miterleben, da in Petterssons Sinfonik nicht nur jede einzelne Instrumentengruppe besonders in den Extremlagen und in der Artikulation gefordert ist, sondern auch die/der jeweilige Dirigent in seinem Verständnis von Partitur und Umsetzung.

Ryan Bancroft ist US-Amerikaner und steht dem Kungliga Filharmoniska Orkestern – wie es auf schwedisch korrekt heißt – seit 2023 vor. Seine Lesart der 7. Sinfonie ist flüssig und in der Elbphilharmonie zu Beginn fast ein wenig zu beherzt. Dabei verträgt der Saal außerordentliche Pianissimi, die Bancroft dann später wirklich dem Orchester abverlangt und damit vor allem zu einem tief empfundenen Schluss findet. Die erste große Steigerung des Werks baut er spannend auf, kommt aber dann einige Male in ein zu routiniertes Fahrwasser, dem das Orchester natürlich Folge leistet. Das eine oder andere Rubato, das er später dann vor allem in den Übergängen anlegt, hätte in den rhythmisch-flächigen Abschnitten zu weiterer Intensität beigetragen. Hier und da gab es auch ein kleines „Zuviel“ in den Trompeten, dann wieder bei den fast elektronisch anmutenden Klangkonstellationen zwischen Blech, Holz und Streichern kleine Hänger – die Akustik der Elbphilharmonie verzeiht nichts, legt aber auch die Partitur schonungslos offen, was zu einer Transparenz des Werkes führt, die man auch in anderen Konzerthäusern kaum erlangen wird, schon das Konzert einen Tag zuvor in der Kongresshalle Lübeck war von einer ganz anderen Akustik geprägt.

In Allan Petterssons Musik sind die Fäden immer kurz vor dem Zerreißen gespannt, und dies verlangt absoluten Mut beim Spielen. In den sehr offen liegenden Passagen gibt es kein zweites Mal, kein Zurück. Das verlangt gegenseitiges Vertrauen im Orchester und ja, auch einiges an Proben, was im heutigen Konzertalltag allein schon eine Hürde gegenüber solchen Partituren darstellt. Die Intensität der Interpretation legte jedenfalls mit jeder dynamischen Welle zu und so wurden vor allem die tonalen Ausgießungen der Streicher nach den Höhepunkten sowie die choralartigen Bläserabschnitte zu einem absolut hörenswerten Ereignis. Details wie die plötzlich leer im Raum liegenden Töne der Violinen am Ende einer melodischen Phrase oder eine blitzsaubere Quinte zwischen Celli und Bässen ließen Zeit und Gedanken stillstehen. Das Ende der Sinfonie war von transzendentaler Natur in seiner seltenen Einigkeit – auch vom Publikum übrigens, das sich mit einer langen Stille zum Nachvollzug dieser außergewöhnlichen Musik bereit zeigte. Großer Jubel für Bancroft und die Stockholmer folgte, nach welchem auch Allan Pettersson selbst durch die vom Dirigenten hochgehaltene Partitur seinen speziellen, starken Applaus erhielt.

Hoffentlich haben sich durch dieses Konzert einige neue Freunde der Musik von Allan Pettersson gefunden – im Norden Deutschlands war, vermutlich bedingt durch die Nähe zu Skandinavien, zumindest immer wieder eine Bereitschaft zu spüren sich mit dem Werk dieses großen Sinfonikers zu beschäftigen. Hoffentlich auch in der Zukunft – als Tor zur Welt zählt ja Hamburg mit seinem Hafen ohnehin.

Alexander Keuk

*immerhin gab es 2023 und 2024 je eine Aufführung des Sinfonischen Satzes in Heidelberg und Magdeburg. Die erste Aufführung eines Pettersson-Werks in der Elbphilharmonie überhaupt war übrigens auch der Sinfonische Satz. Diese Aufführung fand im Jahr 2019 unter Leitung von Daniel Harding statt, damals allerdings mit dem Schwedischen Rundfunkorchester.

 

 

 

Abstract

Allan Pettersson’s music remains a rarity in German concert life, despite the growing recognition of the Swedish composer in his home country. The performance of his Seventh Symphony by the Royal Stockholm Philharmonic Orchestra at Hamburg’s Elbphilharmonie, presented as part of the Schleswig-Holstein Music Festival, was therefore a particularly significant occasion. It was the first performance of the Seventh Symphony in the Elbphilharmonie, while the orchestra’s historical connection with Pettersson—who began his career there as a violist—added a special dimension to the event.

Under the direction of Ryan Bancroft, the symphony unfolded as a demanding and highly expressive musical landscape. Pettersson’s writing places extreme demands on every orchestral section, requiring both technical precision and an exceptional willingness to sustain tension. The acoustic transparency of the Elbphilharmonie exposed the complexity of the score in remarkable detail, while Bancroft’s interpretation gained particular intensity towards the work’s conclusion. Exceptionally quiet dynamics and carefully shaped climaxes led to a deeply concentrated and almost transcendental ending.

The long silence that followed the final note, shared by the audience before the enthusiastic applause began, bore striking witness to the intensity of the performance. The concert thus demonstrated the emotional and musical power of Pettersson’s Seventh Symphony and made a compelling case for a composer whose work deserves greater presence in European concert life.

 

 


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